Neulich beim Griechen

 

Jeder kennt das Gefühl. Abends nach einem beschissenen Arbeitstag. Du bist beruflich mitten in der Woche in einer unbedeutenden Kleinstadt gestrandet. In einem günstigen Hotel. Du hast Hunger. Du fragst Menschen auf der Straße nach einem guten Imbiss, weil du nicht in ein Restaurant möchtest. Weil du dich da immer so ALLEINE fühlst.

Zwei Menschen sagen dir, dass du in den „Athen-Grill“ gehen musst, weil das der Beste ist. Vier hast du angesprochen. Mehr hast du auch nicht gefunden. Einer davon konnte kein Deutsch, der andere war „nicht von hier.“ In dieser aussagekräftigen Stichprobe stimmten somit 100% für „Athen.“ Du beschließt, dass dir das reicht.

Du gehst in den „Athen-Grill.“

Du bereust es in dem Moment, als dir schwerer Fritteusendunst entgegenschlägt und die Neon-Anzeigetafel mit den erhältlichen Gerichten versucht, dir das Augenlicht auszubrennen. Du blinzelst die Speisen durch und hast fast keinen Hunger mehr. Du bist zur Hauptfresszeit um halb acht der einzige Gast. Und seit 30 Sekunden wartet der „Maître du Cuisine“ auf die Lösung seines ewig gleichen „Was darf es sein?“-Rätsels. Du hast das schon oft erlebt und lässt dich nicht aus der Ruhe bringen.

Dein Blick bleibt beim Gyros „vom Chef“ hängen. Du fragst den bereits leicht genervten Menümechaniker, warum das „vom Chef“ des Gyros´ in Anführungszeichen steht. „Ist der Chef kein Chef, oder ist das Gyros aus einem Chef geschnitten, der eigentlich keiner ist?“

„Was? Ich nicht verstehen!“ „Wer ist hier der Chef“, fragst du ihn lächelnd. „Na ich. Ich bin Chef“, antwortet er leicht verunsichert. „Haben Sie Verletzungen am Nacken?“

„Verletzungen?“ Er betrachtet seine Finger. Dir scheint es, als ob er seine Finger zählt. „Okay, war ein Witz. Sie haben keine Schnitte im Nacken, also kann das Gyros nicht vom Chef sein. Ich nehme es. Mit Pommes Majo, Tzatziki und dem gemischten Salat.“

Du setzt dich an einen leicht klebrigen Tisch am Fenster und betrachtest die ausgestorbene Fußgängerzone. Es hat angefangen zu regnen. Aus der Küche hörst du aus einem Schwall Griechisch mehrfach das Wort „Nacken“ und „Jiros.“ Der Chef diskutiert mit seiner Frau offensichtlich deinen Witz.

Oha.

Ein paar Minuten später stellt dir der Chef das Essen hin. Es sieht hervorragend aus. Das Fleisch vom Feinsten, genauso wie das Tzatziki mit erkennbarer Struktur mit praller Olive drauf und der frische Salat in Essig und Öl mit Kräutern. Die Pommes sind auf den Punkt mit einem Hauch von Paprika darüber. Die Mayonnaise sieht selbstgemacht aus. Wow! Der Chef sagt dir mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, dass „wir noch reden müssen über Witz.“

Du siehst ihm nach, denkst darüber nach, was wohl passieren wird und beginnst zu essen. Das perfekt gewürzte Fleisch ist fast ohne Fett, mit einer guten Kruste und lässt dich endgültig am Verstand der Vegetarier zweifeln. Alles ergänzt sich. Ein göttliches kleines Essen.

Du schiebst die leeren Teller zum Rand deines Tisches und lehnst dich zurück. Zufrieden. Nur zwei nasse Menschen haben in der Zwischenzeit was bestellt und sind wieder verschwunden. Chef kommt, nimmt die leergefressenen Teller mit und sagt, „dass wir jetzt reden über Witz.“

Du siehst ihm erneut nach, denkst, ob du irgendwie die griechische Nationalehre verletzt haben könntest und was die Strafe dafür sein wird. Es stört dich nicht weiter, weil man dir ein erstklassiges Essen serviert hat. Chef kommt zurück.

Zwei Wassergläser in der Hand und eine Karaffe mit einer klaren Flüssigkeit. Oha. Ohne Worte füllt er beide Gläser bis zur Hälfte und sieht dich an. „Yamas“, sagt er mit breitem Grinsen und schiebt dir dein Glas hin. Du nimmst es und betrachtest sein Gesicht neu. Es ist grob, aber gut und seine Augen strahlen. Er hebt sein Glas und trinkt es leer. Du tust es ihm nach und schmeckst einen fantastischen Ouzo.

„Efkaristo“, sagst du mit deinem Griechisch, dessen Wortschatz selbst nach 7 Urlauben vor Ort nur aus etwa 20 Wörtern besteht. Chef grinst noch breiter. Du freust dich. Er freut sich über ein einfaches „Danke“ in seiner Sprache.

Dann hämmert er seine Faust auf den Tisch, dass die Gläser hüpfen. Sein Blick wirkt plötzlich leicht irre. Er starrt dich einfach nur an. Du siehst instinktiv nach dem Ausgang und stellst fest, dass du keine Chance hast, an Chef vorbei zu fliehen. In den Regeln des Straßenkampfes hast du einen schweren Fehler begangen.

„Die Witze mache ich“, sagt er mit lauter Stimme, „nicht meine Gäste! Ich mach Witze über Gäste aber nicht Gäste über mich! Muss Karte ändern. Gyros ‚vom Chef‘ ist Scheiße!“

„Okay“, sagst du, „war ein blöder Witz“ und verlangst die Rechnung. Du möchtest gerne ohne körperliche Schäden und möglichst schnell aus diesem Imbiss.

Wieder hämmert er seine große Faust auf den Tisch. „Die Rechnung! Na klar, die Rechnung!“ Du siehst kurz in sein Gesicht, weil du wissen willst ob er dich jetzt tötet, oder nur bezahlt werden will. Seine Augen strahlen dich an. Er lacht laut und füllt dein Glas wieder und diesmal bis zum Rand. „Trink aus, dann Rechnung, okay? Muss Karte sowieso ändern. Gyros vom Chef … “  Chef schüttelt den Kopf steht auf.

Du drehst das Glas mit einem mindestens 4-fachen Ouzo in deiner Hand und zögerst.

„Trink aus, sonst keine Rechnung“, ruft Chef über seine Schulter.

Jetzt lachst du.

Das Essen war hervorragend, also musstest du bezahlen. Mit leichter Schlagseite gehst du zurück in dein günstiges Hotel und legst dich auf´s Bett. Grinsend. In einem Restaurant wär´dir das nicht passiert.

Dieser Beitrag wurde unter Stories veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.