Die Schneefrau

Anfang Januar im äußersten Norden Deutschlands. Ich weiß jetzt, was das Wort Nebensaison wirklich bedeutet. Sogar die Trostlosigkeit hat irgendwas Richtung Süden gebucht. Das Land außerhalb der wenigen Dörfer scheint wie tot. Ich beobachte den Morgennebel, wie er sich im Sonnenlicht das Leben nimmt. Er wird sich rächen, indem er später Wolken bildet – aber momentan bin ich ihm dankbar. Es wird heller, grüner und das Meer immer blauer. Stundenlang fahre ich kleine Nebenstraßen an der Ostsee entlang und begegne niemandem. Es scheint, als wäre ich der einzig existierende Mensch.

Ich denke an den niedlichen blonden Engel aus dem Hotel, das ich für zwei Tage gebucht habe.

 Sie sollte in einem Werbespot über irgendwas Empfindliches die Hauptrolle spielen.

Das war das, was ich dachte, als ich sie das erste mal sah. Ich bin auf dem Rückweg zum Hotel und mir fällt auf, dass ich womöglich verknallter bin, als ich sollte.

Die Straße vor mir verengt sich am weit entfernten Horizont auf etwa einen Millimeter. Ich rieche sie so gut, als säße sie neben mir. Gestern Abend nahm sie mir die Speisekarte aus der Hand und erzählte irgendwas über die Empfehlung des Tages. Ich blickte auf, sah ihr Gesicht, und hätte es nur kalte Hammelsuppe gegeben, von ihr serviert, ich hätte sie gegessen. In Wirklichkeit habe ich irgendwann einfach „Ja, das nehm‘ ich“ gesagt. Ich hoffte, dass sich ihre großen Augen von der Fensterfront lösen und sich mir zuwenden würden. Stattdessen nickte sie fast unmerklich und verschwand. Zum Magenknurren gesellte sich dieses spezielle Ziehen im Bauch. Wunderbar. Ich sah ihr hinterher und überlegte, welches Essen ich bestellt hatte.

Wir begegnen uns gerade wieder. Leider nur in meiner Großhirnrinde. Ich schenke ihr eine Rose und frage sie, ob ich sie zum Essen einladen darf. Sie fragt, ob ich bescheuert bin. Ich nehme ihr die Rose aus der Hand und beiße die Blüte ab. Warum, frage ich mampfend. Sie sagt, dass sie Kellnerin ist und deshalb Restaurants hasst. Klar, sage ich. Wenn du mir hilfst, eine Robbe zu fangen, werde ich dir eine am Strand grillen und wir trinken Dosenbier dazu – wie wär das? Ich überlege, ob ich Robbenfleisch mag. Sie sagt, dass sie Dosenbier hasst. Ich nehme zärtlich ihre Hand in meine und spucke die zerkaute Rosenblüte vor ihr Gartentor. Es gibt hier keine Robben, sagt sie. Dann lass uns an den Strand gehen und welche suchen. Vielleicht gibts ja doch Robben hier und ich bring einen guten Roten mit. Ja, sagt sie plötzlich und strahlt mich an. Wir treffen uns morgen früh am Strand und suchen welche.

Prima, ich freu mich auf morgen –

Traum zu Ende. Vollbremsung. Ein Trecker zieht aus einem von einer Hecke verdeckten Feldweg wie selbstverständlich auf die Straße. Der Bauer ist hier natürlich der einzig existierende Mensch, deshalb verzichte ich aufs Hupen und das übliche Mittelfingergezeige.

Es hat geschneit während ich unterwegs war. Von der Küste aus habe ich die dicken Wolken im Landesinneren gesehen. Die Wiese unter dem Hotelrestaurant ist unter einer knappen Handbreit Pappschnee begraben. Schneemannschnee. Ich beginne eine Kugel zu rollen und überlege ernsthaft, ob ein deutscher Standardschneemann nun aus zwei oder drei Kugeln besteht. Es ist ewig lange her, seit ich den letzten gebaut habe. Ich weiß es tatsächlich nicht mehr und lasse es auf einen Versuch ankommen. Wenn zwei nicht reichen, mach ich eben drei. Ist eh niemand hier, der mich beobachtet. Ein Denkmal für den blonden Engel. Würde ich ihr das auch sagen?

Ein deutscher Standardschneemann besteht aus drei Kugeln, deren Volumina sich harmonisch zueinander verringern sollten. Siebzig Grad Winkel von unten nach oben, würde in der DIN-Norm für Schneemänner stehen. Jetzt, wo das Ding vor mir steht, weiß ich es wieder. Im Wald nebenan finde ich einen Tannenzapfen für die Nase, auf dem Waldweg zwei große Steine für die Augen, aber nicht genug kleine für den Mund. Mit meinen bloßen blauen Händen schiebe ich große Mengen Schnee zur Seite, finde aber nur zu große, nicht mundgerechte Steine.

„Moin, Moin. Wenn du was zu Essen suchst, da drüben in dem Hotel ist ein feines Restaurant!“ Ich hatte den Eingeborenen gar nicht kommen hören. Erleichtert stelle ich fest, dass die Fischköppe hier oben tatsächlich rudimentären Humor besitzen. Danke Käptn, rufe ich ihm hinterher. Aber aus der Bude lass ich höchstens die Beilagen kommen!

Zurück an meinem Schneemann baue ich Nase und Augen ein, habe aber immer noch zuwenig kleine Steine für den Mund. An der Auffahrt zum Parkplatz finde ich welche. Sie sind leider zu klein. Egal. Langsam wird es dunkel und der fertige Schneemann sieht aus, als hätte er einen Schlaganfall hinter sich. Außerdem fällt mir auf, dass in der Werbung Schneemänner immer nur in unzertrampelten Flächen stehen. Jungfernzeugung, unbefleckte Erbaunis oder Hubschrauber? Was soll´s. Gleich wird er in der Dunkelheit versinken. Mein Denkmal.

Ich gehe auf mein Zimmer und dusche etwa eine Stunde lang in einer Badewanne, die groß genug für zwei wäre.

 Als ich später im Restaurant an der breiten Fensterfront sitze, sehe ich plötzlich meinen Schlaganfallpatienten in einem hellen Lichtkegel. Jemand hat einen der Scheinwerfer für die Auffahrt in Richtung Wiese gedreht. Bis hier oben kann ich den leicht hängenden Mundwinkel meines Schneemanns erkennen. Peinlich.

Was ich trinken möchte, fragt mich der blonde Engel, während sie mir die Karte hinlegt. Sie duzt mich, die anderen drei Gäste werden gesiezt. Sie sind vielleicht zehn Jahre älter als ich. In ihren Augen vielleicht zwanzig. Jedenfalls haben sie ihr keinen Schneemann gebaut. Ich fletsche meine Zähne in die Richtung der drei.

Den Schneemann da draußen habe ich für dich gebaut, sage ich. Er kuckt etwas komisch, sagt sie, während sie dabei etwas komisch kuckt. Es ist ein Hauch, eher ein Atom dessen, aus dem ein Lächeln bestehen könnte. Ihr Blick geht weit über den Schneemann hinaus.

Sie sagt, sie hasst es, Sonntags zu arbeiten. Ich sage, dass ich es niemandem weitererzählen werde. Sie lächelt jetzt beinahe erkennbar.

 Das Bier bringt mir ihre Kollegin. Sie sehe ich ihren Mantel anziehen; ihre Schicht ist zu Ende. Im Vorbeigehen fragt sie mich, ob ich nächstes Jahr wieder hier sein würde. Zum Schneemannbauen. Sie fährt mit beiden Händen hinter ihren Nacken und zieht ihre langen blonden Korkenzieherlocken aus dem Mantel.

Warum erst nächstes Jahr, warum nicht heute Abend? Vor dem Fenster fallen dicke Flocken auf die Wiese und den Wald. Ich stelle mir vor, wie es wäre, da draußen mit ihr herumzutoben. Sie sieht nicht so aus, als wenn sie sich auf ihren Feierabend freuen würde. Die Traurigkeit in ihren Augen verunsichert mich. 

Ich weiß nicht, sage ich, vielleicht liegt nächstes Jahr kein Schnee.

 Sie bleibt stehen und betrachtet den Schneemann mit ihren großen traurigen, grünen Augen eine ganze Weile. Sie riecht wunderbar. Es ist kein Parfüm.

Ich hasse Schnee, sagt sie, und geht.

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2 Kommentare zu Die Schneefrau

  1. Rafaela sagt:

    Hi Lars,

    hast mir nie gesagt dass du sowas schreibst. Habe das jetzt erst gelesen. Traurig und schöne Geschichte. Passt zu dir (^.^)

    Lieber Gruß,

    Rafi

  2. ljb sagt:

    Das Traurige passt zu mir? Also hör´ mal!

    :-)

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