Die Mitte zwischen A und B

Als mein Chef mich neulich in sein Büro bestellte und fragte, warum ich eigentlich immer so spät zur Arbeit erscheine, antwortete ich ihm, dass das Teilbereiche der Quantenphysik berührt und viel mit Unendlichkeit zu tun hat.

Er sah mir in´s Gesicht und blickte danach gequält zur Decke seines Büros. „Und das wäre?“, fragte er leicht gereizt. „Nun, im Prinzip können Sie froh sein, dass ich überhaupt jeden Tag hier erscheine.“ Er streckte neugierig den Kopf vor und bedeutete mir wortlos und mit ausladender Geste seiner ausgestreckten Hände, weiter zu erzählen.

„Also um hier hin zu kommen, muss ich logischerweise erst mal die Hälfte der Strecke zwischen meiner Wohnung und der Firma zurücklegen. Danach die weitere Hälfte der Teilstrecke. Und immer so weiter. Ich halbiere letztendlich immer nur die restliche Entfernung …“

„Kommen Sie auf den Punkt, bitte!“, sagte er, in seinen Stuhl gelümmelt. Er blickte mit über dem Bauch verschränkten Händen, däumchendrehend, wieder an die Decke.

„Na ja, ich brauche also jeden morgen unendlich viele Schritte und somit unendlich viel Zeit um anzukommen. Irgendwann werden die Teilstrecken natürlich kleiner – Millimeter, den Durchmesser von Molekülen, Atomen, Protonen, Neutrinos -“

„Nehmen Sie Drogen?“, fragte er mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. „Nur ein neues Müsli mit Schokostückchen, falls Sie sowas meinen. Wegen dem anstrengenden Weg hier hin.“ Er beugte sich vor, verschränkte die Arme auf seinem Schreibtisch und legte seinen Kopf darauf. „Weiter“, nuschelte er in Richtung der Tischplatte.

„Spätestens wenn die restlichen Teilabschnitte die Planck-Länge unterschreiten, befinde ich mich jeden morgen in einer Zone, die von der bekannten Physik überhaupt nicht mehr abgedeckt ist. Deswegen verstehe ich prinzipiell auch nicht, warum ich hier in ihrem Büro stehe, verstehen Sie? Ich kann eigentlich gar nicht hier sein.“

„Fertig?“ Er sah jetzt wirklich gequält aus. „Wie viele Kilometer sind es von Ihnen zu Hause bis hier hin?“ „Sind knapp 7. Die Hälfte davon sind 3,5 …“

„HALTEN – SIE – DEN – MUND!“ Ich beschloss, genau das zu tun. Mir schwante, was jetzt kommen könnte. Er war mittlerweile aufgestanden, stützte sich mit seinen Fäusten auf der Tischplatte ab und funkelte mich an. „Wie lange fahren Sie für die Strecke?“

Scheiße. Jetzt hatte er mich. Er wusste Bescheid. Er kannte das Teilungsparadoxon.

Bezogen auf die Zeit, die ich brauche, um von A nach B zu kommen, greift die Streckenhalbierung natürlich nicht. Für die sieben Kilometer würde ich im Prinzip immer 15 Minuten brauchen. Ohne Unendlichkeit und Quantenphysik. Ich hatte ihn komplett unterschätzt. Er ließ mich labern, während er mit der Konvergenz von unendlichen Folgen vertraut war. Ich war am Arsch.

Mit leicht roter Rübe sagte ich „etwa 15 Minuten“, wartend auf die logische Zerlegung meines Teilstreckenproblems.

„Wie wäre es dann, wenn Sie etwa 30 Minuten eher losfahren würden?“

Ich starrte ihn an. „Das ist alles? Und was ist mit der Konvergenz?“ Kleine Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn und sein Blick wurde leicht irre.

„Konvergenz?! Ich weiß weder, was das ist, noch, was noch in Ihrem Müsli ist. Und jetzt raus hier und ab morgen pünktlich!“

„Ja, Chef.“ Ich trollte mich in mein Büro verfluchte grinsend den Halbwertfrosch.

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