Ja, ja. Da bin ich wieder!

Mein lieber Scholli!  Da arbeitet man mal knapp 7 Jahre nicht an seiner Homepage und wird direkt angepöbelt.  Ich musste eben ein bisschen nachdenken …

Aber das ist natürlich nur vorgeschoben. In Wirklichkeit hatte ich ein schweres Abhängigkeitsproblem.

Nach dem Ausfall meiner geliebten drahtlosen Tastatur habe ich mich erst wieder mühsam an eine mit USB-Anschluss gewöhnen müssen. Es war schrecklich. Das Schreiben war mir praktisch unmöglich geworden, da ich immerfort auf das Kabel starren musste, das sich, wie ein obszöner urzeitlicher Wurm, aus seinem Schlupfloch hinter der NumLock-LED heraus, über meinen Schreibtisch wälzte. Erst 2009 begann ich den Wurm zu ignorieren. In der Zwischenzeit schrieb ich meine Notizen und Geschichten mit einem Bleistift in Ringbücher. Eine Antiquiertheit? Nö. Aber dazu später mehr.

Denn es kam noch schlimmer. Ich bekam ein MacBook. Was an sich nicht das „Schlimm“ ausmacht, sondern eher die Tatsache, wie lange es brauchte, das Ding einigermaßen zu „entappeln“ und es in ein Werkzeug zu verwandeln. Schlimm war der Moment, als ich eines Nachts schweißgebadet aufwachte und mir klar wurde, was ich da eigentlich in der Hand hielt.

Eine Tastatur, die weder draht- noch kabelgebunden, sondern direkt am Rechner befestigt ist! Die komplette Perversion meines eigentlichen Abhängigkeitsproblems.

Mittlerweile kann ich aber wieder alles essen.

Wie auch immer. Ich bau ´ne neue Seite. Diesmal als Blog. Hat den Vorteil, dass ihr Eure fiesen Kommentare direkt unter den neuen Eintrag setzen könnt, statt in ein hässliches „Gästebuch“ zu schreiben, oder umständlich per Mail Kontra geben zu müssen  :-)

Ein paar alte und liebgewonnene Sachen werden wieder auftauchen. So zum Beispiel „Das Platz sparende Wörterbuch.“ Oder die Übersetzung der „Rumsfeld´s Rules„, die sich so mancher Manager oder Mensch in leitender Funktion mal gründlich durchlesen sollte.

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Die Mitte zwischen A und B

Als mein Chef mich neulich in sein Büro bestellte und fragte, warum ich eigentlich immer so spät zur Arbeit erscheine, antwortete ich ihm, dass das Teilbereiche der Quantenphysik berührt und viel mit Unendlichkeit zu tun hat.

Er sah mir in´s Gesicht und blickte danach gequält zur Decke seines Büros. „Und das wäre?“, fragte er leicht gereizt. „Nun, im Prinzip können Sie froh sein, dass ich überhaupt jeden Tag hier erscheine.“ Er streckte neugierig den Kopf vor und bedeutete mir wortlos und mit ausladender Geste seiner ausgestreckten Hände, weiter zu erzählen.

„Also um hier hin zu kommen, muss ich logischerweise erst mal die Hälfte der Strecke zwischen meiner Wohnung und der Firma zurücklegen. Danach die weitere Hälfte der Teilstrecke. Und immer so weiter. Ich halbiere letztendlich immer nur die restliche Entfernung …“

„Kommen Sie auf den Punkt, bitte!“, sagte er, in seinen Stuhl gelümmelt. Er blickte mit über dem Bauch verschränkten Händen, däumchendrehend, wieder an die Decke.

„Na ja, ich brauche also jeden morgen unendlich viele Schritte und somit unendlich viel Zeit um anzukommen. Irgendwann werden die Teilstrecken natürlich kleiner – Millimeter, den Durchmesser von Molekülen, Atomen, Protonen, Neutrinos -“

„Nehmen Sie Drogen?“, fragte er mich mit einem seltsamen Gesichtsausdruck. „Nur ein neues Müsli mit Schokostückchen, falls Sie sowas meinen. Wegen dem anstrengenden Weg hier hin.“ Er beugte sich vor, verschränkte die Arme auf seinem Schreibtisch und legte seinen Kopf darauf. „Weiter“, nuschelte er in Richtung der Tischplatte.

„Spätestens wenn die restlichen Teilabschnitte die Planck-Länge unterschreiten, befinde ich mich jeden morgen in einer Zone, die von der bekannten Physik überhaupt nicht mehr abgedeckt ist. Deswegen verstehe ich prinzipiell auch nicht, warum ich hier in ihrem Büro stehe, verstehen Sie? Ich kann eigentlich gar nicht hier sein.“

„Fertig?“ Er sah jetzt wirklich gequält aus. „Wie viele Kilometer sind es von Ihnen zu Hause bis hier hin?“ „Sind knapp 7. Die Hälfte davon sind 3,5 …“

„HALTEN – SIE – DEN – MUND!“ Ich beschloss, genau das zu tun. Mir schwante, was jetzt kommen könnte. Er war mittlerweile aufgestanden, stützte sich mit seinen Fäusten auf der Tischplatte ab und funkelte mich an. „Wie lange fahren Sie für die Strecke?“

Scheiße. Jetzt hatte er mich. Er wusste Bescheid. Er kannte das Teilungsparadoxon.

Bezogen auf die Zeit, die ich brauche, um von A nach B zu kommen, greift die Streckenhalbierung natürlich nicht. Für die sieben Kilometer würde ich im Prinzip immer 15 Minuten brauchen. Ohne Unendlichkeit und Quantenphysik. Ich hatte ihn komplett unterschätzt. Er ließ mich labern, während er mit der Konvergenz von unendlichen Folgen vertraut war. Ich war am Arsch.

Mit leicht roter Rübe sagte ich „etwa 15 Minuten“, wartend auf die logische Zerlegung meines Teilstreckenproblems.

„Wie wäre es dann, wenn Sie etwa 30 Minuten eher losfahren würden?“

Ich starrte ihn an. „Das ist alles? Und was ist mit der Konvergenz?“ Kleine Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn und sein Blick wurde leicht irre.

„Konvergenz?! Ich weiß weder, was das ist, noch, was noch in Ihrem Müsli ist. Und jetzt raus hier und ab morgen pünktlich!“

„Ja, Chef.“ Ich trollte mich in mein Büro verfluchte grinsend den Halbwertfrosch.

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WordPress 3.2 bei 1&1

Problem bei der automatischen Installation von WordPress 3.2 auf einem Home 5.0 Paket bei 1&1:

WordPress Aktualisieren

Runterladen der Aktualisierung von http://de.wordpress.org/wordpress-3.2-de_DE.zip…

Fatal error: Out of memory (allocated 29360128) (tried to allocate 4330162 bytes) in /homepages/nn/dnnnnnnnn/htdocs/wp/wp-includes/class-http.php on line 1426

Das Plugin „Health Check“ sagt mir:

Your server is running PHP version 5.2.17 and MySQL version 5.0.91 which will be great for WordPress 3.2 onward.

Bin mir nicht ganz sicher, aber es sieht so aus, als ob nicht genügend Arbeitsspeicher seitens 1&1 vorhanden wäre.  Kann das jemand bestätigen?

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Hobolobo

 

Das müsst ihr euch mal ansehen.  Eine Abwandlung des „Rattenfängers von Hameln“ erzählt in HTML und Java. Sprache ist Englisch, aber mich fasziniert in erster Linie das Bühnenbild:

Hobolobo.net

Wenn die Geschichte weitergeht, poste ich die Übersetzung …

 

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Neulich beim Griechen

 

Jeder kennt das Gefühl. Abends nach einem beschissenen Arbeitstag. Du bist beruflich mitten in der Woche in einer unbedeutenden Kleinstadt gestrandet. In einem günstigen Hotel. Du hast Hunger. Du fragst Menschen auf der Straße nach einem guten Imbiss, weil du nicht in ein Restaurant möchtest. Weil du dich da immer so ALLEINE fühlst.

Zwei Menschen sagen dir, dass du in den „Athen-Grill“ gehen musst, weil das der Beste ist. Vier hast du angesprochen. Mehr hast du auch nicht gefunden. Einer davon konnte kein Deutsch, der andere war „nicht von hier.“ In dieser aussagekräftigen Stichprobe stimmten somit 100% für „Athen.“ Du beschließt, dass dir das reicht.

Du gehst in den „Athen-Grill.“

Du bereust es in dem Moment, als dir schwerer Fritteusendunst entgegenschlägt und die Neon-Anzeigetafel mit den erhältlichen Gerichten versucht, dir das Augenlicht auszubrennen. Du blinzelst die Speisen durch und hast fast keinen Hunger mehr. Du bist zur Hauptfresszeit um halb acht der einzige Gast. Und seit 30 Sekunden wartet der „Maître du Cuisine“ auf die Lösung seines ewig gleichen „Was darf es sein?“-Rätsels. Du hast das schon oft erlebt und lässt dich nicht aus der Ruhe bringen.

Dein Blick bleibt beim Gyros „vom Chef“ hängen. Du fragst den bereits leicht genervten Menümechaniker, warum das „vom Chef“ des Gyros´ in Anführungszeichen steht. „Ist der Chef kein Chef, oder ist das Gyros aus einem Chef geschnitten, der eigentlich keiner ist?“

„Was? Ich nicht verstehen!“ „Wer ist hier der Chef“, fragst du ihn lächelnd. „Na ich. Ich bin Chef“, antwortet er leicht verunsichert. „Haben Sie Verletzungen am Nacken?“

„Verletzungen?“ Er betrachtet seine Finger. Dir scheint es, als ob er seine Finger zählt. „Okay, war ein Witz. Sie haben keine Schnitte im Nacken, also kann das Gyros nicht vom Chef sein. Ich nehme es. Mit Pommes Majo, Tzatziki und dem gemischten Salat.“

Du setzt dich an einen leicht klebrigen Tisch am Fenster und betrachtest die ausgestorbene Fußgängerzone. Es hat angefangen zu regnen. Aus der Küche hörst du aus einem Schwall Griechisch mehrfach das Wort „Nacken“ und „Jiros.“ Der Chef diskutiert mit seiner Frau offensichtlich deinen Witz.

Oha.

Ein paar Minuten später stellt dir der Chef das Essen hin. Es sieht hervorragend aus. Das Fleisch vom Feinsten, genauso wie das Tzatziki mit erkennbarer Struktur mit praller Olive drauf und der frische Salat in Essig und Öl mit Kräutern. Die Pommes sind auf den Punkt mit einem Hauch von Paprika darüber. Die Mayonnaise sieht selbstgemacht aus. Wow! Der Chef sagt dir mit einem seltsamen Gesichtsausdruck, dass „wir noch reden müssen über Witz.“

Du siehst ihm nach, denkst darüber nach, was wohl passieren wird und beginnst zu essen. Das perfekt gewürzte Fleisch ist fast ohne Fett, mit einer guten Kruste und lässt dich endgültig am Verstand der Vegetarier zweifeln. Alles ergänzt sich. Ein göttliches kleines Essen.

Du schiebst die leeren Teller zum Rand deines Tisches und lehnst dich zurück. Zufrieden. Nur zwei nasse Menschen haben in der Zwischenzeit was bestellt und sind wieder verschwunden. Chef kommt, nimmt die leergefressenen Teller mit und sagt, „dass wir jetzt reden über Witz.“

Du siehst ihm erneut nach, denkst, ob du irgendwie die griechische Nationalehre verletzt haben könntest und was die Strafe dafür sein wird. Es stört dich nicht weiter, weil man dir ein erstklassiges Essen serviert hat. Chef kommt zurück.

Zwei Wassergläser in der Hand und eine Karaffe mit einer klaren Flüssigkeit. Oha. Ohne Worte füllt er beide Gläser bis zur Hälfte und sieht dich an. „Yamas“, sagt er mit breitem Grinsen und schiebt dir dein Glas hin. Du nimmst es und betrachtest sein Gesicht neu. Es ist grob, aber gut und seine Augen strahlen. Er hebt sein Glas und trinkt es leer. Du tust es ihm nach und schmeckst einen fantastischen Ouzo.

„Efkaristo“, sagst du mit deinem Griechisch, dessen Wortschatz selbst nach 7 Urlauben vor Ort nur aus etwa 20 Wörtern besteht. Chef grinst noch breiter. Du freust dich. Er freut sich über ein einfaches „Danke“ in seiner Sprache.

Dann hämmert er seine Faust auf den Tisch, dass die Gläser hüpfen. Sein Blick wirkt plötzlich leicht irre. Er starrt dich einfach nur an. Du siehst instinktiv nach dem Ausgang und stellst fest, dass du keine Chance hast, an Chef vorbei zu fliehen. In den Regeln des Straßenkampfes hast du einen schweren Fehler begangen.

„Die Witze mache ich“, sagt er mit lauter Stimme, „nicht meine Gäste! Ich mach Witze über Gäste aber nicht Gäste über mich! Muss Karte ändern. Gyros ‚vom Chef‘ ist Scheiße!“

„Okay“, sagst du, „war ein blöder Witz“ und verlangst die Rechnung. Du möchtest gerne ohne körperliche Schäden und möglichst schnell aus diesem Imbiss.

Wieder hämmert er seine große Faust auf den Tisch. „Die Rechnung! Na klar, die Rechnung!“ Du siehst kurz in sein Gesicht, weil du wissen willst ob er dich jetzt tötet, oder nur bezahlt werden will. Seine Augen strahlen dich an. Er lacht laut und füllt dein Glas wieder und diesmal bis zum Rand. „Trink aus, dann Rechnung, okay? Muss Karte sowieso ändern. Gyros vom Chef … “  Chef schüttelt den Kopf steht auf.

Du drehst das Glas mit einem mindestens 4-fachen Ouzo in deiner Hand und zögerst.

„Trink aus, sonst keine Rechnung“, ruft Chef über seine Schulter.

Jetzt lachst du.

Das Essen war hervorragend, also musstest du bezahlen. Mit leichter Schlagseite gehst du zurück in dein günstiges Hotel und legst dich auf´s Bett. Grinsend. In einem Restaurant wär´dir das nicht passiert.

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Was würde ein Teelöffel voll Neutronenstern mit dir anstellen?

 

Ich habe Dr. Dave Goldberg gefragt, ob ich seinen Artikel „What would a teaspoonful of neutron star do to you?“ übersetzen darf.  Er fand die Idee gut.  Ich auch. Ist schließlich ein Thema, was uns alle angeht.

In dieser wöchentlichen Ausgabe von „Frage an einen Physiker“ betrachten wir eine unglaublich schlecht durchdachte Mission: eine Reise zu einem Neutronenstern, um aus seinem Inneren die klebrigen Neutronen zu extrahieren. Was danach passiert? Du stirbst. Wir zeigen dir wie.

Ihr Leute schickt mir viele Fragen über Themen der Physik und Astronomie. Die meisten sind sehr vernünftig – aber manchmal bekomme ich Vorschläge zu Aufgaben, die so dermaßen abgefahren sind, dass mir keine andere Wahl bleibt, als sie bis zu ihrer Wurzel zu verfolgen. Leser Mark Skelton fragt:

Ich weiß, dass die Bestandteile eines Neutronensterns eine der dichtesten Materien des Universums sind und ein Teelöffel davon soviel wiegt wie ein Berg. Was würde passieren, wenn wir wirklich diese Menge aus einem Neutronenstern herausholen würden?

Lasst mich damit anfangen: PROBIERT DIESES EXPERIMENT NICHT AUS.

Obwohl der Name „Neutronenstern“ harmlos erscheint, sollte man sich nicht täuschen lassen. Sie sind kleine, aber tödliche Überreste massiver Sterne. Sie besitzen die 2 oder 3-fache Masse der Sonne, passen aber ganz bequem in das Stadtgebiet von Dortmund.

Durch diese enorme Dichte ist die Anziehungskraft unglaublich stark. Wenn ihr jetzt denkt, dass das ganze Ding deswegen doch zu einem Schwarzen Loch kollabieren müsste, liegt ihr fast richtig. Das ist der genaue Grund, warum Neutronensterne nicht mehr als ein paar Sonnenmassen haben können. Sie würden sonst zu Schwarzen Löchern.

Neutronensterne werden für etwas gehalten, was man als „entartete Materie“ kennt und das ist wirklich ein passender Ausdruck dafür, dass die Neutronen bereits so dicht  gepackt sind, dass sie sich nicht weiter zusammendrängen lassen. Das ist eine Folge des berühmten „Pauli-Prinzips„, das in Kurzfassung beschreibt, dass zwei Neutronen (oder eigentlich zwei Elektronen) sich nicht denselben Raum und Zustand teilen können.  [ Auch bekannt als „entarteter Druck„, ljb ]

Falls du auf der Suche nach Gesprächsthemen für deine nächste Cocktail-Party bist, könnte dich interessieren, dass entartete Materie auch das ist, was „Weiße Zwerge“ ausmacht. In meinem Buch werden in Kapitel 5 Neutronensterne und Weiße Zwerge ausführlich besprochen.

Dieser entartete Druck ist jedenfalls so hoch, dass ein Stern der Klasse „Überriese“ mit einem Kern aus einem Neutronenstern, dessen Hülle kollabiert und auf diesen Kern prallt, eine Explosion auslöst, die eine komplette Galaxie überstrahlt. Möglicherweise kennst du das als Supernova. Hast du jemals das Bild des Krebsnebels (das Bild oben) gesehen? Das kommt dabei raus, wenn man mit einem Neutronenstern rumspielt.

Also was würde passieren, wenn wir bescheuert genug wären, es zu versuchen?

NeutronShip

Du und dein Raumschiff würde durch die Anziehungskraft und magnetische Felder in Stücke zerrissen.

Die Landung wäre unglaublich schwierig. Neutronensterne können mehrere Tausend mal pro Sekunde rotieren und viele davon haben magnetische Felder, die zehn Millionen mal stärker sind, als das der Erde.

Das beeinträchtigt dich in verschiedener Hinsicht. Zuerst zerstören die magnetischen Felder dieser Stärke alles was mit Eisen zu tun hat, danach deine Computersysteme. In der Praxis geschieht wohl beides gleichzeitig.

Die Kombination der Rotation mit dem starken magnetischen Feld bildet eine Art Selbstverteidigungssystem der Neutronensterne. Vielleicht kennst du es als „Pulsar,“ das einen hochenergetischen Strahl aussendet, der jeden Bruchteil einer Sekunde durch den Raum fegt. Zuletzt gilt es auf einer Kugel zu landen, die sich mit Tausenden Kilometern pro Sekunde dreht. Das ist nicht ganz einfach.

Aber nehmen wir an, wir hätten die Landung auf der Oberfläche des Neutronensterns geschafft. Gut, es hätte ein paar Millionen Kelvin – aber verglichen zu den Problemen, die wir noch zu erwarten haben, ist das ein Kinderspiel. Die Anziehungskraft ist 200 Milliarden mal stärker als auf der Oberfläche der Erde. Falls dich das nicht weiter stören sollte, beachte aber, dass dort der Unterschied der Gravitation zwischen deinem Kopf und deinen Füßen etwa 60 Millionen g beträgt. Wenn du glaubst, dass dich im Universum alles auf die gleiche Weise töten kann, bedenke kurz, dass die Oberfläche der Sonne auf nur etwa 6000 K bei einer Anziehungskraft von 27 g kommt. Vergleichsweise also nichts.

Explosive Ausdehnung

Weil ich euch mag, lasse ich euch noch etwas länger überleben. Ich gehe davon aus, dass ihr Zugriff zum Raumschiff Enterprise und der zugehörigen Transporter-Technologie habt, und wasweissich, eine Landung auf der Oberfläche gar nicht notwendig ist. Lasst uns also annehmen, dass wir einen Teelöffel Neutronenstern aus seinem Kern direkt in unseren Frachtraum „beamen.“ Ich sage aus „seinem Kern“, weil die äußere Kruste ziemlich langweilig ist. Sie besteht zumeist aus schwereren Elementen, wie Eisen. Um das reine Produkt zu kriegen, müssen wir tiefer buddeln.

Was dann passiert? Jetzt geht der Spaß erst richtig los.

Du musst dir erstmal vorstellen, dass wir über Dichten sprechen, die im Bereich von etwa 10^18 kg/m^3 liegen, was bedeutet, dass ein Teelöffel davon rund 10 Milliarden Tonnen wiegt. Ich hab´s durchgerechnet und Mark hat recht. Für einen ausreichend großen Berg kommt das hin. [ Ähm, laut den relativ leicht nachprüfbaren Fakten in diesem Artikel, wiegt der Mount Everest gerade mal 6,5 Milliarden Tonnen, ljb]

Im Inneren eines Neutronenstern besteht eine empfindliche Balance zwischen der extremen Anziehungskraft des Sterns und dem entarteten Druck der Neutronen. In dem Moment, in dem wir die Neutronen entnehmen, geht´s rund. Der gravitative Druck, der die Neutronen bislang komprimiert hat, fehlt. Und denk dran – die Neutronen haben eine Temperatur von Millionen Grad. Der Gasdruck ist immens. Selbst wenn wir mittels eines Transporters das Stück Stern in den Bauch unseres Schiffes beamen könnten, würde der Druckverlust von außen das Gas explosionsartig ausdehnen lassen.

In einem angenommen normal großen „Frachtraum“ enden wir in einem Druck, der billiardenfach höher ist als der normale Luftdruck und einer Dichte, die etwa das 10 millionenfache von solidem Stein beträgt.

Halte dich nicht in deinem Frachtraum auf, wenn du dein Neutronenstern-Material hochbeamst. Ich kann das gar nicht oft genug wiederholen.

NeutronSpiral

Eine Neutronenbombe

Angenommen, die Expansion der Neutronen würde dein Schiff nicht auf der Stelle zerlegen – das Schlimmste kommt erst noch. Im Inneren eines Neutronensterns hält der abartige Druck die Neutronen nämlich von dem ab, was sie normalerweise möchten: zerfallen.

Neutronen können ziemlich lange rumhängen, solange sie sich in einem Atomkern befinden. Wenn sie alleine sind, überleben sie nicht lange. Jedenfalls nicht nach menschlichen Zeitvorstellungen. Im Vergleich zu vielen anderen subatomaren Partikeln, die höchtens eine 10 milliardstel Sekunde bestehen, ist die Lebenszeit eines Neutrons von etwa 10 Minuten allerdings unglaublich lang. Nach diesen (im Durchschnitt) 10 Minuten zerfällt ein Neutron in ein Proton, ein Elektron und in ein normalerweise nicht nachweisbares Anti-Neutrino.

Kein großer Akt, oder? Falsch. Wir rufen letztlich die berühmteste Gleichung der gesamten Physik auf: E=mc^2. Das zeigt uns, wie viel Energie bei jedem Zerfall frei wird.

Nimm die Masse des Neutrons, subtrahiere davon die Masse des Protons, des Elektrons und die vernachlässigbare Masse des Anti-Neutrinos und du erhältst die Verlustmasse. Multipliziere die mit der quadrierten Lichtgeschwindigkeit und du hast die frei gewordene Energie. Bezogen auf den Zerfall eines Neutrons, werden während dieses Vorgangs etwa 0,08% der Masse in Energie umgesetzt. Das hört sich erstmal nicht viel an – aber multipliziert mit dem vollen Teelöffel deines Neutronensterns endet es mit einem Energieausstoß von etwa 10^27 Joule. Oder etwa in dem, was die Sonne in 2 bis 3 Sekunden rausrotzt.

Wenn du nicht gerade ein intuitives Gefühl dafür hast, wieviel Energie das eigentlich ist, wäre eine andere Umschreibung dafür, dass unser Neutronenzerfall das Äquivalent einer Billionen-Megatonnen-Bombe hätte. Oder in anderer Hinsicht, mit 50 Billionen mal dem Wumms der ersten Atombomben. Es würde das Leben auf der Erde ganz einfach auslöschen.

Denk dran, dass die Halbwertszeit von Neutronen etwa 10 Minuten beträgt, was bedeutet, dass alles ziemlich schnell tot und erledigt ist. Herzlichen Glückwunsch, du hast eine lebendige Atomwaffe auf dein Schiff teleportiert.

Viel Glück!

 

Dave Goldberg ist, zusammen mit Jeff Blomquist, der Autor von „A User’s Guide to the Universe: Surviving the Perils of Black Holes, Time Paradoxes, and Quantum Uncertainty.“ (follow us on twitterfacebooktwitter or our blog.) Er ist außerordentlicher Professor der Physik an der Drexel-Universität in Philadelphia.

Feel free to send email to askaphysicist@io9.com with any questions about the universe.

Top image of the Crab Nebula via NASA, ESA and Allison Loll/Jeff Hester (Arizona State University). Acknowledgement: Davide De Martin (ESA/Hubble). Illustration of a spaceship with a neutron star by Rick Sternbach.

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Das Kind

 

Ostersonntag 2011 irgendwo im Bergischen Land. Ich fahre mit dem Rad durch eine wirklich kleine Ortschaft an der Wupper. Es ist warm, die Sonne scheint und die kleinen Fachwerkhäuser inmitten der grünenden Bäume bilden etwas, was man, ohne jeden Spielraum für Subjektivität, als Idylle bezeichnet. Es riecht nach Frühling, im Hintergrund höre ich den Fluss murmeln, der Himmel ist makellos blau. Es sieht nur leider nicht so aus, als ob hier irgend jemand einen neuen Mieter sucht.

Ich überlege, ob ich neidisch bin. Hier zu wohnen – gar nicht so übel. Der Weg zur Arbeit wäre etwas verfuselt, aber dafür Abends mit Blick auf die Wupper grillen zu können, würde einiges wieder rausreissen. In Gedanken überlege ich mir einen Text für eine Wohnungssuche in der Zeitung. Kochender Single sucht 70 Quadratmeter mit hungriger Mitbewohnerin. Oder so ähnlich.

Schnaufend fahre ich einen extrem steilen Anstieg am Ende des Dorfes hinauf und blicke in den Lauf einer Pistole. Der Lauf zeigt absolut ruhig direkt in mein Gesicht. Am anderen Ende sitzt ein Junge im Schneidersitz auf einem Stromkasten. Vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Ich muss im Abstand von 2 Metern an ihm vorbeifahren. Er zielt die ganze Zeit auf meinen Kopf. Er ist nur ein Rotzlöffel, die Pistole ist Spielzeug und trotzdem ist es ein extrem komisches Gefühl.

Als ich auf der Höhe des Kindes bin, drückt es den Abzug. Ich höre das Klacken des Hahns und das Kind macht ohne eine Miene zu verziehen „BAMM!“ Ich bin sauer. Da ich wegen der Steigung eh am Ende meiner Kräfte bin, steige ich vom Rad und sehe dem Jungen direkt in die Augen. Er blickt zurück. In seinem Gesicht rührt sich nichts. Wow, denke ich. Der kleine Kotzbrocken hat´s drauf.

„Hey“, rufe ich ihm zu, „vielleicht fragst du heute Abend mal deinen Vater, was ‚Verhaltensauffällig‘ bedeutet und warum ich dich das gefragt haben könnte!“ Der Kleine sieht mir weiter in die Augen. Ich überlege, ob er überhaupt ansatzweise verstanden haben könnte, was ich gerade gesagt habe.

„Mein Vater ist tot“, sagt er ohne jede Regung. Dann löst sich sein Blick von meinem. Er sieht in den Himmel. Ich auf den Boden. Scheiße, muß ich jetzt irgendwie Beileid heucheln?

Eine weibliche Stimme ruft den Namen eines Kindes. Das Kind auf dem Kasten blickt weiter der einzigen kleinen Wolke nach, die Richtung Sauerland zieht, spannt erneut den Hahn seines Spielzeugrevolvers, lässt ihn aber in seinem Schoß liegen. Eine Frau taucht auf. Etwa Anfang 30, weißes T-Shirt, kurzer Rock, Flip-Flops. Sie ist hübsch. Die Ähnlichkeit ihres Gesichts und dem des Kindes ist verblüffend. Mama Pistolero.

Leicht verunsichert sieht sie erst ihr Kind an, dann mich.  „Guten Tag“, sage ich lächelnd. Genau so sollte meine hungrige Mitbewohnerin aussehen. „Hallo“, sagt sie. „Hab´ ich irgendwas verpasst?“ „Nein, alles gut. Ihr Kind hat mich erschossen, obwohl ich unbewaffnet war. Aber da ich hier fremd bin, war das Recht wohl auf seiner Seite …“

Der Junge sieht noch immer der Wolke nach. Sie sieht mich eine Sekunde lang an, lacht und hebt das Kind vom Stromkasten. „Hey, da bist du ja. Komm jetzt, Cowboy, Papa grillt Chicken-Wings. LeckerLeckerLecker!“ Schwungvoll setzt sie den Cowboy auf den Boden. „Das mit der Pistole …“, sie verzieht ihr Gesicht, „… Kinder eben. Sie mögen sowas. Warum auch immer …“ Noch immer lachend wuschelt sie dem Kurzen durch die Haare und sieht mich an. Sie will was sagen –

„Sein Papa grillt?„, falle ich ihr in´s Wort und sehe, wie sich ihre Stirn runzelt, „Cowboy hat einen richtigen Vater?“ Statt einer Antwort zieht sie ihr Kind zu sich, legt ihm den Arm um die Schultern und ihr Lachen verwandelt sich endgültig in einen eisigen Blick. „Hören Sie, ich weiß nicht, was das jetzt soll, aber das das Kind einen Vater hat, sollte ich wohl am besten wissen, oder?“

„´Tschuldigung, aber Ihr Sohn hat gesagt, dass …“  „Sie gehen jetzt besser. Okay?“

Ich sehe jetzt in zwei feindselige Augenpaare und steige auf mein Rad. „Schönen Tag noch“, sage ich und trete in die Pedale. Weg hier.

Was für eine epische Abfuhr. Wenn der Klimawandel in etwa 10 Jahren hier alles überflutet, hat das Kind womöglich eine echte Knarre in der Hand. Warum also sollte ich ausgerechnet hier wohnen wollen?

Keine drei Meter gefahren, macht es hinter mir zeitgleich „Klack“ und „BAMM!“

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Ur-Ur-Opa Friedbert. Ruhe in Frieden!

 

Morgen jährt sich der 150ste Todestag meines Ur-Ur-Opas Friedbert. Er konnte nie besonders gut zuhören, war aber auf seine Art zupackend und unternehmungslustig. Er starb in Indien während seiner Suche nach dem Ursprung des aufrechten Ganges.

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Johann Sebastian Bach. Drei unterschiedliche Visualisierungen.

 

Die Werke des ollen Johann sind bekanntermaßen komplex. Die Jungs und Mädels von Musanim haben sich unter diesem Gesichtspunkt mal die Toccata und Fuge in D-Moll vorgenommen. Für den heimlichen Dirigenten in Euch ist dabei ein vorherragender Einstieg rausgekommen. Immer die Mitte des Bildschirms beobachten. Die unterschiedlichen Farben stellen die verwendeten Midi-Kanäle dar:

Die Leute von NTT docomo schicken Herrn Bach dagegen auf einen Holzweg. Mit seinem Song „Jesus bleibet meine Freude„:

Die 1989 geborene Hawaiianerin Taimane Gardner schnappt sich für Bach´s Toccata einfach ihre (8-saitige) Ukulele. Ein Instrument, was ich bis dato gar nicht als solches wahrgenommen habe. Gut – ihre Interpretation ist ein wenig frei. Aber nett anzusehen  :-)

 

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Der Brückentag

Na klar. Der Tag war ja auch noch nicht beschissen genug. Stotternd bleibt der Motor endgültig stehen. Ich trete die Kupplung und lasse mich an den Straßenrand rollen. Ein Fausthieb auf das Armaturenbrett befördert die Tanknadel in die Realität zurück. Null. Also doch keine einmalige Fehlfunktion. Das Ding ist tatsächlich hinüber.

Fluchend grabe ich den leicht angerosteten und verbeulten Ersatzkanister aus meinem Kofferraum. Das 10-Liter Blechding hatte mir erst letzte Woche ein Tankwart geschenkt, als ich das erste mal liegengeblieben war. Ich schalte den Warnblinker an und gehe los.
Mal sehen wie der Benzinwirt reagiert, wenn ich gleich wieder vor ihm stehe.

Nur die Fußgängerbrücke über die Autobahn und weitere 200 Meter trennen uns. Wenn er lacht, muss er seinen Kanister eben essen. Meine Laune ist übel, bessert sich aber mit jedem Schritt. Es ist warm und die Nachmittagssonne scheint durch das Herbstlaub, als ich die Brücke betrete. Trotz der viel befahrenen Bahn duftet es nach Wald.

Das mit dem Kanister essen nehme ich zurück. Ich werde mit ihm lachen. Immerhin bin ich an derselben Stelle und mit seinem Kanister im Auto das zweite mal liegengeblieben. So hat er im Winter wenigstens was zu erzählen.

Jemand steht am Geländer. Etwas stimmt mit seiner Haltung nicht. Und dem Rest. Sein Anzug entpuppt sich beim näheren Hinsehen als speckig; sein Gesicht ist gerötet und seine Hände zittern leicht. Er ist ziemlich mager und verströmt einen leichten Geruch nach Krankenhaus. Er wirkt irre, aber nicht dumm.

„Hat der keine Angst?“, frage ich den Typen, als die unglaublich laute Hupe des Vierzigtonners verstummt.

„Angst. Was eigentlich bedeutet Angst? Ist es nicht so, dass die Angst ein fester Teil unseres Lebens ist? Sie praktisch gleichberechtigt neben der Freude existiert?“

Die Kraft seiner Stimme überrascht mich. Nebeneinander stehen wir auf der Autobahnbrücke und sehen auf den Dackel, den er an einer langen Leine etwa zwei Meter über der rechten Spur baumeln lässt.

„Sein Leben da unten dürfte im Moment ausschließlich aus Angst bestehen. Da kommt der nächste Lastwagen!“

Wieder hupt es. Lang und irgendwie verzweifelt. Der LKW versucht noch eine heftige Bremsung. Der Typ dreht mir sein Gesicht zu und holt mit drei schnellen Bewegungen den Hund zwei Meter höher. Etwa 10 Zentimeter unter seinen Pfoten rauscht der 40-Tonner vorbei. Der Dackel fiept und wird durch den Fahrtwind unter die Brücke gerissen. Kurz drauf pendelt er wieder zurück. Er hebt seinen Kopf und sieht uns an.

„Natürlich empfindet er Angst. Aber welcher Art? Er fürchtet den Verlust seines Lebens. Bevor wir hier hingingen, hat er mir das Gesicht geleckt. Jetzt hat er Angst vor einem Vertrauensbruch. Er hat Angst davor, dass ich ihn nicht rechtzeitig hochziehe. Was er nicht weiß, ist, dass ich Angst habe ihn zu verlieren.“

„Äh, haben Sie es mal mit Streicheln versucht?“

„Nun, ich liebe ihn und habe deshalb Angst ihn zu verlieren. Das Yin und Yang – es ist die Ambivalenz in jeder Beziehung. Wie war das bei Ihnen, als Sie das letzte mal richtig verliebt waren? Sie waren glücklich, unbekümmert und euphorisch. Das Leben hatte mehr Farben, mehr Gerüche …“

Während er seinen Monolog hält, lässt er den Dackel bis auf die Fahrbahn herunter. Fünf Meter unter uns sieht sich der Hund unsicher um und beginnt am Asphalt zu schnüffeln. Der nächste LKW ist etwa einen halben Kilometer entfernt.

„… und Sie schwebten auf Wolken. Und doch nagte an Ihnen das Gefühl, dass Sie alles wieder verlieren könnten.“

Vierhundert Meter. Ein Auto rast heran. Der Dackel läuft auf die Überholspur und hebt sein Bein am Randstreifen. Bevor ich etwas sagen kann, knallt ein BMW mit etwa 200 km/h einen Zentimeter unter der durchhängenden Leine her. Der Hund schüttelt sich und leckt sich am Hintern. Ich klappe meinen Mund wieder zu.

„Als Sie Ihnen das erste mal gesagt hat, dass sie Sie liebt, haben Sie gedacht, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn Sie sie nicht kennengelernt hätten. Ist es nicht so? Sie waren nicht nur einmal verliebt, dass sehe ich Ihnen an. Sogar am Anfang einer neuen Beziehung haben Sie an das Ende der alten gedacht, obwohl Sie genau das für immer vergessen wollten. Lord Byron hat in seinem …“

„Ich wette, dass Ihr Hund gerade über sowas nachdenkt. Könnten Sie ihn jetzt bitte wieder hochziehen?“

Der Dackel war mittlerweile unter der Leitplanke durch auf den Mittelstreifen gelaufen. Mit ein paar langen Zügen an der Leine befördert der Mann seinen Liebling zurück auf seinen Platz unter uns. Jaulend senkt der Hund seinen Kopf und setzt sich. Er schnüffelt nicht mehr, sondern sieht dem LKW entgegen. Noch dreihundert Meter. Direkt dahinter fährt der nächste.

„Wissen Sie was? Es stimmt – ich kenne dieses Gefühl. Und jetzt holen Sie den Köter rauf! Bitte!“

„Hah! Im Unterschied zu dem, was Sie erlebt haben, liegt es an mir die Fäden seines Schicksals zu ziehen! Ich kontrolliere seine Situation in einem Akt der bewussten Handlung. Ist es nicht das, was sie sich immer gewünscht haben? Gab es nicht Momente in Ihrem Leben, in denen Sie an einen Gott glauben wollten? An jemanden, der, so irrational ihre Ansprüche an die jeweilige Situation auch waren, diese klärt und Ihnen auch noch sagt wie es weitergeht?“

Seine Augen funkeln. Auf seiner Stirn perlt der Schweiß. Der Lastwagenfahrer sucht irgendetwas auf dem Beifahrersitz. Noch zweihundert Meter. Der Hund rührt sich nicht. Der Typ ist völlig durchgeknallt. Ich muss etwas tun – nicht, dass ich Dackel wirklich mag, aber ihn auf diese Weise sterben lassen geht auch nicht. Meine Hände werden feucht und etwas zieht in meinen Eingeweiden.

Weglaufen oder handeln.

„Mann, zieh den Hund rauf, du Arsch!“ Mir fällt wieder ein, warum ich auf dieser beschissenen Brücke stehe. Der Ersatzkanister und mein leerer Tank. Der Kanister.

Verbeult ist er schon.

„Religion! Das ist wahre Religion! Ob er an mich glaubt oder nicht, ich entscheide über sein Leben oder seinen Tod! ICH BIN SEIN GOTT!“

„Weißt du was, du bist völlig krank!“

Ich hole aus und ziehe ihm den Kanister über den Schädel. Es dröhnt hohl. Wie ein nasser Sack rutscht er am Brückengeländer entlang zu Boden. Meine Schulter knackt und schmerzt plötzlich wie die Hölle. Kleine Sternchen ziehen durch mein Gesichtsfeld, als ich wieder auf die Fahrbahn sehe. Der Kanister hat eine weitere dicke Beule. Ich lasse ihn achtlos fallen.

Noch hundert Meter. Der Lastwagenfahrer sucht noch immer. Der Kopf des Mannes schlägt mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Die Leine fällt aus seiner Hand und rutscht unter dem Geländer durch nach unten. Mit dem Fuß trete ich in letzter Sekunde auf das Ende.

Der Hund war in der Zwischenzeit ein ganzes Stück nach vorn gelaufen. Wie ein Irrer hole ich die Leine ein. Der Dackel schleift über den Boden und jault erbärmlich, aber er gewinnt keine Höhe. Schneller kann ich nicht. Ich will, aber es geht einfach nicht.

„Ich tu, was ich kann – wir schaffen das!“, brülle ich nach unten. Der Hund sieht mich an. Es sieht so aus, als würde er es glauben. Dackelblick. Schlagartig wird mir klar, was dieser Ausdruck bedeutet.

Noch zwanzig Meter. Der Fahrer sieht nach vorn. Für eine Bremsung ist es längst zu spät. Endlich lösen sich die Pfoten vom Boden. Noch zehn Meter. Was wiegt ein Dackel? Es kommt mir vor wie fünfzig Kilo. Die Muskeln in meinen Armen brennen. „Ein, zwei Meter noch! Ich krieg dich nach ob …“

Es knallt laut und dumpf, als der Hund gegen den Spoiler vor dem Auflieger prallt. Ich stöhne vor Schmerzen, als mir der Schlag beinahe die Arme ausreißt. Im hohen Bogen fliegt der Dackel über den ersten Lastwagen und landet in der Windschutzscheibe des nächsten. Bremsen kreischen und die schweren Reifen stottern quietschend über den Asphalt. Was hinter der Brücke passiert, kann ich nicht sehen.

Mir ist schlecht.

Das Ende der Leine baumelt im Fahrtwind. Das Geschirr, in dem der Dackel hing, ist leer. Die Metallteile schimmern rot. Dackelblut. Was hatte ich getan? Langsam ziehe ich den Rest der Leine ein und lasse sie angewidert fallen. Kleine rote Tropfen verteilen sich auf und neben dem Knäuel. Schnaufend lege ich meinen Kopf auf das Geländer und denke über das nach, was gerade passiert ist. Meine Knie fühlen sich weich an.

„Ey, du Arsch da oben! Bist du völlig bescheuert oder was!? Meine Kabine – total versaut, alles voller Blut und Hundefetzen! Was bist du für ein kranker Wichser, Mann?! Ich hab die Bullen angerufen, die kriegen dich!“

Auch das noch. Der Fahrer des letzten LKWs. Sein Gesicht ist rot. Sein Hemd auch. Der Kerl sieht aus wie aus einem Horrorfilm und seine Stimme überbrüllt locker den Lärm der vorbeifahrenden Autos. Ich bin froh, dass er da unten ist und ich hier oben. Wie lange würden die Bullen brauchen? Viertel Stunde? Was mache ich hier eigentlich noch?

„Was … was ist passiert? Wo ist der Hund?“

Der Irre kommt wieder zu sich. Wie in einem Liegestütz richtet er sich langsam auf. Noch auf seinen Knien, langt er mit einem Arm zu einem großen Rucksack, der mir bis jetzt gar nicht aufgefallen war. Erst dann stellt er sich, gestützt auf das Brückengeländer, vollends auf seine Füße. Er schwankt und befühlt die sichtbare Beule an seinem Kopf.

„Dein Hund ist tot, Mann. Es war zu spät, ihn wieder raufzuziehen.“

„Zu spät? Was heißt hier zu spät? Sie haben mich bewusstlos geschlagen. Ich hätte ihn nicht sterben lassen!“ Mühsam ringt er mit seinem Gleichgewicht und brüllt mich an. „Als ich euch nach meinem Ebenbild schuf, hätte ich wissen müssen was ich tat, verdammt nochmal. Erst nagelt ihr mir meinen Sohn an´s Kreuz und jetzt pfuscht ihr mir schon wieder in´s …“

„Tach Herr Doktor Marnke. Na wieder Ärger mit Ihren Schäfchen? Was ist es denn heute?“

Ich hatte die Oma gar nicht kommen sehen. Urplötzlich steht sie neben mir und lächelt mich und den Irren freundlich an. Ein winziger Pinscher wuselt um ihre Beine. Ich sehe auf die Uhr und frage mich, wann und ob die Polizei auftaucht.

„Frau Kampe! Ich, ähh, Ärger? Der Ketzer da hat gerade meinen Hund ermordet!“
„Der da?“ Sie zeigt mit dem Finger auf mich und lacht. „Genau wie beim letzten mal, stimmts? Immer sinds die anderen, gell?“ Ihr verschmitztes Grinsen beruhigt die Situation für ein paar Sekunden.

„Was heißt hier wie beim letzten mal, macht der das öfter?“, frage ich die alte Dame. Ihr Pinscher bleibt plötzlich wie angewurzelt vor dem Rucksack stehen. Dann bellt er ihn an.
Der Sack bewegt sich und bellt zurück. Ich habe das Gefühl, dass sich mein Verstand auflöst.

„Seit er seine Approbation verloren hat, ist er ein wenig seltsam, wissen Sie. Er war Kinderarzt …“

Sie tritt an meine Seite, ich beuge mich auf ihre Kopfhöhe und so flüstert sie mir, so gut sie kann in mein Ohr.

Der Typ starrt auf die blutige Leine und spricht leise mit sich selbst.

“ … er hat eine Behandlungsmethode gegen Schuppenflechte erfunden. Leider sind daran sechs oder sieben Kinder gestorben. Seither sucht er zu vergessen. Über den Schmerz und die Verantwortung ist er, na ja, verrückt geworden. Im Moment hält er sich für Gott …“

„Für welchen?“, frage ich sie sarkastisch und massiere meine schmerzende Schulter. Der Kinderarzt zieht ein Taschentuch aus seiner Hose und beginnt die Leine zu säubern.

„Was heißt für welchen? Es gibt doch nur einen Gott!“ Die Oma legt den Kopf etwas schief sieht mich irritiert an. Mit sauberer Leine geht der Irre zu seinem Rucksack, holt den zweiten Hund raus und beginnt ihm sie anzulegen. Noch ein Dackel. Was sonst.

Ich sehe wieder auf die Uhr und beginne jetzt ernsthaft an meinem Verstand zu zweifeln.
Der macht es tatsächlich nochmal.

„So, es gibt also nur einen Gott. Dann erklären sie das mal zum Beispiel einem Moslem, gute Frau.“ Statt einer Antwort dreht sie ihren Kopf in Richtung Brückenaufgang. Vor den rot-weißen Sperrpfosten hält ein Polizeiwagen an. Endlich. Aber anstatt auszusteigen, hantieren die Grünen wild gestikulierend mit einem Funkgerät.

„Ich bin Gott!“, brüllt der Arzt und beginnt den nächsten Hund über das Geländer abzuseilen.

„Warten sie, Herr Doktor Marnke! Welcher Gott sind sie denn nu eigentlich?“ Omas Lautstärke und Autorität passen nicht zu ihrer zierlichen Gestalt. Sie war garantiert früher Lehrerin. Deutsch oder Geschichte oder irgendein anderes langweiliges Fach, in dem es galt, gelangweilte Schüler zwischendurch mal wach zu brüllen.

Die Bullen sitzen immer noch in ihrem Auto. Daneben steht der blutverschmierte Lastwagenfahrer und brüllt auf die beiden ein.

„Welcher Gott!? Ich bin der Gott!“, brüllt der Typ zurück. „Ja, aber der junge Mann hat mich gerade dran erinnert, dass die Moslems einen anderen Gott haben. Und Buddhisten haben wieder andere Götter. Für welchen Gott also soll dieser Hund sterben?“ Oma dreht richtig auf. Trotz der bescheuerten Situation muss ich lachen.

Und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen. Immerhin war der letzte Köter bei meinem Rettungsversuch gestorben. Die Oma stemmt die Hände in die Hüften. „Wenn Sie auch nur irgendein Gott wären, bräuchten Sie nicht zwei Hunde um es zu beweisen!“

„Stimmt doch, oder?“ Mit noch breiterem Grinsen im Gesicht sieht sie mich an. Endlich kommen die beiden Bullen aus ihrem Auto. Etwas unsicher gehen sie auf uns zu. Knapp dreißig Meter trennen uns.

„Äh, ja natürlich. Sie haben recht.“ Mit jedem Schritt den die Polizisten näher kommen, wird mir bewusster, dass ich nicht mehr abhauen kann. Was soll´s. Zu Hause würde ich jetzt ´ne Maschine Buntes füllen müssen. Und wischen. Vor allem die Küche.

„Hey, Kinderarzt, Götter sind unfehlbar, oder?!“, brülle ich ihn an. „Warum ist dein erster Hund draufgegangen?“

„Was für eine Frage! Du hast mich niedergeschlagen, nur deshalb, Sterblicher! Ja, ich habe ihn geprüft, aber trotz allem würde er noch leben, wenn mein Geschick ihn weiter gelenkt hätte!“

Alles an dem Kerl ist durcheinander, seine Frisur, sein Gesicht und seine Stimme. Die Polizisten sind noch immer zwanzig Meter entfernt. Oma zupft an meinem Ärmel und deutet mit dem Kopf jetzt in Richtung des Arztes. Er zieht den Hund tatsächlich wieder ein Stück nach oben.

„Du willst also Gott sein und lässt dich von einem Sterblichen zusammenschlagen!? Mann, wenn das rauskommt, wirft das ein verdammt übles Licht auf deine ganze Zunft, du Luftpumpe! Du bist so dermaßen fehlbar, dass du direkt mit zwei Kötern hier …“

„Darf ich bitte erfahren, was hier vor sich geht?“. Einer der Beamten greift meine Schulter und unterbricht mich inmitten meiner Predigt. „Fragen Sie das Gott da drüben, ich hab nur versucht zu helfen!“

„Das ist Herr Doktor Marnke, Herr Wachtmeister. Er ist ein wenig seltsam …“, sagt die alte Dame.

„SELTSAM? DER!?“, brüllt der Lastwagenfahrer und geht auf mich los. „Der Arsch da hat seinen Hund in meine Scheibe geworfen!“ Die beiden Polizisten haben Mühe, ihn zurückzuhalten. Der ältere Polizist herrscht ihn an, seine Schnauze zu halten. Die beiden Grünen ahnen, dass es kein Routineeinsatz wird. Langsam frage ich mich, wie ich aus dieser Nummer heil wieder rauskomme.

Der zweite Dackel des Irren baumelt noch immer zwei Meter unterhalb der Brücke. Ich sehe wie sich seine Hand unter der über dem Handgelenk gekreuzten Leine langsam blau färbt. Er sieht einfach durch uns durch und brüllt in einer Tour. Der Pinscher hat seinen Kopf durch´s Geländer gesteckt und bellt wie verrückt nach unten.

„Ich habe Pol Pot geschaffen, Hitler und die Hunnen. Stalin, Pinochet und Papst Urban II. Und was habt ihr getan? Habt ihr danach nicht noch immer an mich geglaubt? Nicht mal in Zeiten der Pest und der großen Kriege habt ihr von mir abgelassen! Ich war und bin der Trost, ich war und bin das ewige Heil! Und wag es nicht, du Wurm, mir Fehlbarkeit vorzuwerfen, denn ich bin darüber erhaben!“

Seine Stimme klingt auf einmal klar und herrisch. Sein Blick ist durchdringend und wach. Er fixiert jeden einzelnen von uns. Mich zuletzt. Keiner sagt was. Nicht einmal der Pinscher bellt.

Er durchbohrt mich mit seinem feindseligen Blick, aber ich weiche ihm nicht aus. Der Lastwagenfahrer wischt sich durch sein blutiges Gesicht. Mit einem ungläubigem Ausdruck mustert er den Irren und dann mich.

„Ja, du bist darüber erhaben“, brülle ich zurück. Meine Stimme ist ebenso klar und schneidend wie seine. „Du bist darüber erhaben, weil deine Unfehlbarkeit nur auf unserer Dummheit, Faulheit und Vergesslichkeit beruht. Deine Stärke ist allein unsere Schwäche!“

Noch immer sehen wir uns in die Augen. Ich denke an die Kinder, die seinetwegen gestorben sind. Noch immer ist es still. Ein einzelnes Auto fährt unter der Brücke durch und hupt. „Schluss jetzt mit dem Theater!“, ruft einer der Polizisten. Welcher weiß ich nicht. „Ruhe, verdammt nochmal! Und Sie da am Geländer, ziehen Sie sofort den Hund nach oben!“

In dem Moment, als sich sein Blick aus meinem löst, sehe ich wie sich sein Arm in die Länge zieht und sein Körper mit einem grauenhaft knackendem Geräusch von brechenden Rippen über das Geländer gezogen wird. Oma wendet sich ab. Die Bullen stürmen zum Geländer und sehen wie ich gleichzeitig hinunter. Der Lastwagen, in dem sich der Hund verfangen hatte, war längst unter der Brücke durch.

Unter uns sitzt Herr Doktor Marnke mit ausgestreckten, grotesk verrenkten Beinen auf der Fahrbahn und sieht gestützt auf seinen verbliebenen Arm lachend zu uns herauf. Der andere fehlt. Der zweite Hund auch.

„Also bin ich unfehlbar“, brüllt er, „solange bis ihr mich vergessen habt! Ha ha ha ha …“

Der LKW, der hinter ihm heranrast, hat keine Chance mehr zu bremsen. Es knallt kurz, dann setzt das kreischende Geräusch der Bremsen ein. Als auch der Hänger schlingernd unter der Brücke verschwindet, liegen nur noch blutige Fetzen an der Stelle, von der aus wir noch gerade verhöhnt wurden.

Der jüngere der beiden Polizisten kotzt über das Geländer. Der Ältere dreht sich um und schlägt die Hände vor seinem Gesicht zusammen. Unter der Brücke halten die ersten Autos. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!!“, brüllt der Ältere und beugt sich über das Geländer. „Weg von der Unfallstelle! Weg da, verdammt nochmal!“ Er wiederholt die Prozedur fast wortwörtlich auf der anderen Brückenseite.

Der jüngere Polizist und ich stehen mit dem Rücken an das Geländer gelehnt und sehen uns an. „Was ist das da an Ihrem Mund?“, frage ich ihn. „Spinat?“ Mit einer gereizten Bewegung wischt er sich durchs Gesicht. Plötzlich weiten sich seine Augen. „Wo sind sie?!“

In der Hektik war keinem von uns aufgefallen, dass sich Oma und der Trucker davongemacht hatten.

*

Seit drei Stunden reden sie auf mich ein. Der Kaffee schmeckt grausam. Ich überlege, ob es in allen Polizeiwachen so riecht, wie in dieser.

„Ach, und noch was – sind Sie Mitglied in irgendeiner Sekte, oder so?“ Die Fragen gehen mir mittlerweile richtig auf die Nerven. „Nein, bin ich nicht! Ich bin Atheist. Mein einziges Vergehen war, über diese dämliche Brücke zur nächsten Tankstelle zu laufen. Kann ich jetzt endlich gehen!?“

Der Ältere der beiden reibt sich müde seine Augen und setzt die Brille wieder auf. „Ja, natürlich. Wir sind hier fertig. Wissen sie, es waren nur Ihre Worte da oben auf der Brücke. Ich glaube, Sie haben recht. Werde wohl aus der Kirche austreten. Irgendwann …“

Ich sehe ihn an. Er wartet, dass ich irgendetwas antworte. „Nein“, sage ich schließlich. „Sie sehen nicht aus, als ob Sie das tun werden.“

Als wir aus der Wache treten regnet es. Es ist dunkel und der Jüngere bringt mich endlich zur der Tankstelle, die ich eigentlich vor Stunden schon wieder verlassen haben wollte. Beide Polizisten haben mir ihre Namen gesagt; jetzt habe ich sie vergessen. Als wir ankommen, steige ich wortlos aus und gehe mit meinem Kanister zur Zapfsäule.

Der Tankwart ist nicht da. Ich bin froh darüber. Wenigstens keine blöden Sprüche. Als ich nach dem Bezahlen wieder auf den Hof trete, steht der Polizeiwagen noch immer an der selben Stelle.

Wütend gehe ich hin und reiße die Beifahrertür auf. „Was?! Was zum Teufel ist denn noch!?“ Obwohl ich ihn anbrülle, verzieht der Bulle keine Miene. „Hey, keine Panik. Draußen regnet es in Strömen. Soll ich Sie zu Ihrem Wagen fahren?“

Er meint es nur gut. Ich sehe auf meine Füße und muss lachen.

„Entschuldigung, so war das nicht gemeint. War eben ein bisschen viel heute.“ Ich sehe den dichten Regen im Neonlicht. „Wenn Sie das tun würden …“

„Klar. Steigen Sie ein!“ Dankbar lasse ich mich auf den Sitz fallen. „Und was das auf der Brücke betrifft“, sagt er, als wir auf die Hauptstraße abbiegen, „das war …“
„Bitte, können wir das Thema vergessen?“ falle ich ihm ins Wort. „Ich habe die Schnauze voll für heute!“

„… das war kein Spinat. Es war Broccoli. Ich hasse Broccoli. Etwas später hätte ich sowieso gekotzt.“ Er grinst mich an. Wir sind an meinem Wagen angekommen und ich steige aus.

Als ich fast zu Hause bin, sagt die Dame in meinem Autoradio, dass es noch immer einen Stau von acht Kilometern zwischen Burscheid und Wuppertal Ronsdorf gibt. Und eigentlich bin ich der einzige, der weiß warum.

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Ein Dialog im Restaurant

Es gab frische Seezunge mit richtig viel Krebsfleisch, winzig kleinen Kartoffeln, Zuckererbsenschoten, Speckbohnen und das alles an einer exorbitant unaufdringlichen Weinsauce. Es war göttlich.

 Zu Hause hätte ich den Teller abgeleckt. Ich fokussierte die Soßenreste, dann die Gäste um mich herum. Nein. Ich bin in einem Hotelrestaurant. Und leckte den Teller nicht ab.

Das Einzige, was es ein wenig versaute, war die Hintergrundmusik. André Rieu und einen Tick zu laut.

„Und, war alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt mich der Kellner, während er Teller und die leere Weinkaraffe an sich nimmt.

„Ganz ehrlich?“, frage ich. In mir reifte eine Idee für einen Dialog, den ich eventuell gleich bereuen würde. Es wäre nicht das erste mal …

„Aber ja! Wir sind immer an der ehrlichen Meinung unserer Gäste interessiert!“ Der Typ war echt groß und kräftig.

„Na gut. Dann bringen sie dem Koch einen Schnaps der Oberklasse und hauen dem, der die Hintergrund-CD aufgelegt hat, eins in die Fresse.“

„Nun, ich fürchte das geht leider nicht. Der Koch darf während der Arbeit keinen Alkohol trinken.“

Ich war froh, dass er meine Eröffnung annahm. Jetzt musste ich weitermachen.

„Okay, versteh ich. Dürfen Sie denjenigen, der für die Musik verantwortlich ist, während der Arbeit zusammenschlagen?“

„Ähm, ich selbst habe diese Platte aufgelegt. Wir sind ein sehr seriöses Haus – diese Art von Musik erwarten unsere Gäste nunmal. Tut mir leid – da ich mich schlecht selbst zusammenschlagen kann, müssten Sie das in diesem Fall übernehmen …“

Er machte also mit. Die Unterarme, die aus seinen bis zum Ellbogen hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln ragten, waren in etwa so dick wie meine Waden. Mein Blick wanderte über seine noch dickeren Oberarme weiter nach oben. Seine Augen lächelten, während der Rest seines rechteckigen Gesichts unbewegt blieb.

Wir beide wussten genau, wer mit wem den Boden aufwischen würde, wenn der Dialog einen anderen Hintergrund gehabt hätte.

Wir sehen uns an und versuchen ernst zu bleiben. Mit seiner Oberkellnerprofessionalität gelingt ihm das ein kleines bisschen besser als mir. Die Muskeln hinter meinen Ohren beginnen zu schmerzen. Krampfhaft versuche ich nicht zu lachen.

„Hier drin oder draußen?“, frage ich ihn.

„Ich fände es unpassend hier drin und vor all den Gästen.“

„Stimmt.“

Wir beide sehen nach draußen

.

„Mist, draußen regnet´s …“

„Ja, es regnet. Ich müsste mich danach umziehen“,

 sagt er.

Jedem Außenstehendem wäre es vorgekommen, als führten wir ein ganz normales Gespräch.

Ich biete ihm einen Neuanfang:

 „Wissen Sie was? Fragen Sie mich doch einfach noch mal, ob das Essen gut war.“

„War das Essen gut?“

„Es war ungefähr das beste, was ich in den letzten drei Jahren gegessen habe. Ehrlich!“

„Danke, so was hört man immer gern.“

Endlich kann ich lachen. Herr Oberkellner lacht auch. Laut und wiehernd. Einige der Gäste drehen sich zu uns um. Er bemerkt es und es scheint ihm etwas peinlich zu sein.

„Sagen Sie, hätten Sie sich mit mir geprügelt, oder hätten Sie den Koch rausgeschickt?“

„Nö, das hätte ich natürlich selbst erledigt. Wissen Sie eigentlich, wie sehr mir diese Musik auf die Nerven geht? Die macht mich so aggressiv, dass ich ständig Gewaltphantasien habe. Ehrlich!“

„Danke, so was hört man immer gern.“

 

(Geschrieben um 2002)

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