Deckentiere

Von außen sieht das Hotel ganz gut aus. Obwohl – langsam bereue ich es, nicht irgendwas Pauschales für eine Woche gebucht zu haben. Stattdessen fahre seit 10 Tagen mehr oder weniger planlos durch die winterliche Gegend Nord- und Ostdeutschlands. Ich steige aus meinem dreckigen Pickup und gehe durch die Lobby zur Rezeption, hinter dessen Tresen eine Dame sitzt und vor allen anderen Dingen lächelt.  Sie scheint aus einem Forschungslabor der Zahnpastaindustrie ausgebrochen zu sein.

„Nein, ist völlig okay. Ich nehm das Zimmer. Ich schlaf nur drin, also muss ich es mir nicht vorher ansehen. Danke.“

„In Ordnung. Kann ich sonst noch was für Sie tun?“ Die Grübchen auf ihren Wangen passen irgendwie nicht zu ihren riesigen weißen Zähnen.

„Oh ja. Füttern Sie mich!“ Mal sehen, ob sie jetzt aufhört, mir ihre Hauer zu zeigen. Ihr Lächeln ist nicht echt. Keine Fältchen um ihre Augen.

Sie tut es nicht.

„Tut mir leid, das Hotelrestaurant hat heute Abend geschlossen. Aber direkt gegenüber ist ein tolles Fischlokal. Gehen Sie doch dahin!“ Sie sieht die Enttäuschung in meinen Augen. „Es ist echt gut, glauben Sie mir!“

Nach 10 Stunden Strandwanderung bin ich hundemüde und mein Magen hängt irgendwo zwischen meinen Knien. Scheiß Frischluft.

 Im blank polierten Marmor der Rezeption sind zwei kleine Tierchen eingeschlossen. Winzige Eidechsen oder Krokodile oder so was. Ich frage sie, ob sie die beiden schon bemerkt hat. Sie sieht mich an und lächelt immer noch.

„Was sollen da sein? Tierchen!?“

„Ja, hier. Sehen Sie? Hanni und Nanni. Zwei winzige Krokodile. Fossilien …“ 

Sie beugt sich vor und sucht.
 
Als ich wieder hinsehe, ist da nichts mehr. Nur zwei kleine Streifen aus hellem Kalk.

 Sie lächelt ihr Zahnpastalächeln. „Sie sollten wirklich was essen gehen …“

„Ja, wohl besser so …“ Ich steige in den Aufzug, werfe meine Sachen in das dunkle Zimmer und gehe direkt in das tolle Fischlokal.

Es ist brechend voll. Ein kleiner Tisch neben einem Familienfragment ist noch frei. Tochter und Mutter warten auf die Fütterung. Wie es aussieht, ist nur eine Bedienung für etwa 40 Mäuler zuständig. Ich werde nervös. Es ist laut und hektisch. Mehrmals versuche ich die Kellnerin ranzuwinken, damit sie mir wenigstens ein Bier bringt. Beim fünften Versuch klappt es. Knapp eine Minute später bringt mir jemand einen Humpen.

„Wie viel ist da drin? Ein Liter?!“ 

“Tut mir leid, wir haben keine anderen Gläser mehr“, sagt der Kellner, der so aussieht wie ich mir einen Hobbit vorstelle und sofort wieder verschwindet. Wunderbar. Ich nehme einen tiefen Zug und die Welt sieht gleich besser aus. Grinsend strecke ich meine Beine aus. Das Bier findet derweil einen bis dahin geheimen Zugang direkt in mein Gehirn.

Weia. Der Tisch wackelt und die Wände des Restaurants bewegen sich. Mir ist schwindelig. Genau die richtige Zeit für die erste Zigarette dieses Tages. 

Als das Zippo wieder zuschnappt, starren mich durch die Rauchwolke zwei bohrende Augen an.

Sie gehören der Kleinen vom Nebentisch.

 „He, Rauchen ist gar nicht gesund“, sagt sie mit ihrer hellen und klaren Stimme. Ihre Mutter legt den Zeigefinger an ihren Mund und macht „psscht!“ Genau wie alle Eltern, deren Kinder in einem Restaurant irgendwie den Mund aufmachen. Die Kleinen sagen was und die Eltern machen „psscht!“ Und nachher ärgern sie sich, weil ihre Brut zuviel fernsieht und oder Klebstoff schnüffelt.

„Wahrscheinlich muss ich in einem Restaurant verhungern. Was macht da noch eine Zigarette?“ 

Ich grinse sie an und überlege ob meine Antwort kindgerecht war. Warum eigentlich? Ich habe keine Kinder. Weil ich keine Ahnung habe, wie man mit 6 bis 8 jährigen umgeht, nehm ich sie vorsichtshalber einfach ernst.

Erst mal einen weiteren großen Schluck. Mein Gehirn wird noch etwas leichter. Nicht mal eine Speisekarte habe ich bis jetzt bekommen.

 „Wir warten schon über eine Stunde auf´s Essen“, sagt die Kleine und lacht. „Ich bin noch nicht verhungert!“ „Psscht!“, macht die Mutter ein weiteres, ärgerliches mal. Ich betrachte sie genauer.

Sie ist etwas jünger als ich und hat dunkle Ringe unter ihren freundlichen Augen. Ihre dünnen Haare hätte sie vorgestern waschen müssen und ihre Hände zittern etwas. Unsicher sieht sie in meine Richtung.

 „Sie macht immer ‚psscht‘ „, sagt die Kleine mit ihrer seltsamen straßenköterfarbigen Frisur und lacht wieder. Es ist ein unglaublich fröhliches Lachen. Hochgradig ansteckend.

Selbst die Leute mit vollem Mund (verdammt, ich will Essen!) sehen in ihre Richtung und lächeln. Die Mutter hebt den Zeigefinger wieder in Richtung ihrer Lippen und überlegt es sich im letzten Moment anders. Die Kleine sieht das und lacht wieder.

 Mein Magen knurrt so laut, dass ich dem Lärm im Restaurant dankbar bin. Als ich mich auf der Suche nach der Bedienung umdrehe, starre ich direkt auf ihre Brüste.

Langsam schiebt sie die Karte zwischen meine Augen und ihr Dekolleté und sagt gleichzeitig, dass es leider nur noch Scholle gibt.

 Alles andere wäre aus.  „Ähh, ich habe nie was anderes als Scholle gegessen. Also werde ich heute Abend nicht damit anfangen!“ 

Ich finde das lustig. Sie nicht. „Also Scholle“, sagt sie barsch während sie geht. Ich liebe wichtige Feststellungen.

„Und ich brauch noch so´n Becher Bier!“, rufe ich hinter ihr her. Sie nickt und verschwindet. 

Die verwachsene Gestalt von Kellner stellt mir kurz drauf einen neuen Krug Bier hin und einen Korb mit zwei kleinen Brötchen und Schmalz auf einem winzigen Teller. Ohne nachzudenken stecke ich Messer und Gabel in die Brötchen und fange an zu steppen. Ich steppe gar nicht mal so schlecht. Was heißt nicht schlecht – Johnny Depp ist nur noch ein Krümel auf dem Tischtuch der Geschichte des Brötchensteptanzes unter Zuhilfenahme von handelsüblichem Besteck.

Der Liter Bier auf nüchternen Magen wirkt. Möglicherweise bin ich bereits blau.

Glöglichermeise.

Ich bin Johnny Depp und muss jetzt steppen.

 Die Kleine sieht das und knufft ihre Mutter. Zwei Kerle am Nebentisch tippen sich an die Stirn. Ich sehe alles genau – bin aber zu gut in Form, um mit dem Quatsch aufzuhören. Die Kleine legt ihr Tier aus der Hand, das sie gerade aus einer der dicken Papierplatzdeckchen rupft, knetet und faltet. Als ich zu einer Triole ansetzte, fliegt ein Brötchen vom Messer und kugelt unter den Tisch der beiden Stirntipper. Sie tun so, als hätten sie es nicht bemerkt. Die Nummer ist zu Ende.

Ich nehme das andere von der Gabel und beiße hinein. Es ist trocken wie Staub. Die Krümel verkleben meinen Mund und ich brauche einen großen Schluck Bier um auch die letzten Reste runterzuspülen. Wenn der Fisch genauso schmeckt wie die Vorspeise – oh Gott. Was soll´s. Bier ist auch Nahrung. Ich nehme noch einen tiefen Hieb aus dem Humpen und das Essen wird langsam unwichtiger. Mir ist langweilig.

Das seltsam frisierte Kind sagt irgendwas zu ihrer Mutter. Sie reden kurz, bevor sich die Mutter in meine Richtung dreht. „Möchten Sie …“ Ich unterbreche sie, indem ich meinen Zeigefinger an meinen Mund lege und „Psscht“ mache. Sie wird ein bisschen rot. Das Kind lacht laut. „Siehst du, Mama?“ Die sieht zornig in Richtung Kind, sagt aber nichts weiter.

Ich mag die beiden. 

“Meine Tochter hat gefragt, ob Sie sich an unseren Tisch setzen möchten“, fragt Mutter im zweiten Anlauf. Dabei streicht sie sich etwas nervös eine leicht fettige Haarsträhne hinter ihr Ohr. „Du darfst auch rauchen“, kräht die Kleine. Und ich beschließe den Tisch zu wechseln.

Jetzt weiß ich auch, was mit ihren Haaren los ist. Das ist keine Modefrisur, sie selbst oder ihre Mutter hat sie geschnitten. „Und ich kann keine Tiere mehr machen – bringst du noch Deckchen mit?!“ Ich nicke und setze mich langsam in die Aufrechte.

 Irgendwie gelingt es mir meine Beine unter dem Tisch zu ordnen und aufzustehen. Wieviele Tiere baut so ein Kind pro Stunde?

Das Reinheitsgebot ringt mit der Schwerkraft. Ein ungleicher Kampf. Mit dem Hauch eines Ausfallschritts hämmere ich im letzten Moment vor dem kompletten Verlust des Gleichgewichts meinen Bierkrug auf den Tisch zwischen Mutter und Tochter. Peinlich. 25 km laufen, nichts essen und Alkohol vertragen sich nicht.

Eine fingerdicke Fontäne steigt aus dem Humpen und fällt wieder zurück. Schaum und Bier spritzen quer über den Tisch. „Tschuldigung, bin gleich wieder da!“

Während ich, mittlerweise stabilisiert, auf der Suche nach weiteren Servietten alle Tische im Restaurant abgrase, haben Mutter und Kind Zeit, sich und den Tisch von meinem Biergeglecker zu säubern.

 Etwa fünfzehn Sets drücke ich der Kleinen in die Hand während ich mich vorsichtig setze. Sie grinst mich an, legt ihren Kopf schief und sagt „Ich heisse Lena, und du?“

„Lars“, sage ich, „nett dich kennenzulernen.“ Dass ihre Mutter Petra heißt interessiert mich bereits weniger. Ich gebe mir Mühe, mir das nicht anmerken zu lassen. Fasziniert betrachte ich das Tier, das die Kleine bastelt. Es sieht irgendwie echt aus. Dunkelgrün und voller Details. „Du solltest ihr Zimmer sehen. Überall stehen diese Viecher rum … alles was sie in ihre Finger kriegt verwandelt sie irgendwie in Tiere …“

Lena tunkt zwei Finger in ihre Cola und formt zwei spitze Hörner an den Kopf ihrer Kreation. „Was ist das?“, frage ich sie. Es sieht genau aus wie eine Antilope oder so was in der Art. „Keine Ahnung. Hab´s im Fernsehen gesehen. Es hat lange Beine und ist ganz leicht dabei. Deshalb rennt es so schnell wie ein Auto fährt!“

„Wow!“ Was intelligenteres fällt mir nicht ein. Wohl aber das Nilpferd, das ich mit 10 oder so im Kunstkurs aus Ton gemantscht habe. Sollte es später mal von irgendwelchen Archäologen gefunden werden – die armen Schweine. Sie werden es keiner bekannten Lebensform zuordnen können. „Anarchistenorigami“, sage ich laut, während ich die Kniescheiben und Beinmuskeln der Antilope? Gazelle? betrachte. Unglaublich, was die Kurze für ein Talent hat.

„Origami ist doof. Viel zu eckig. Pferde können nicht so schnell laufen. Sie sind zu schwer. Aber ein Gepard ist noch schneller als das hier …“

„Eine Gazelle ist das, glaube ich …“

„Ja!“, sagt sie und grinst mich an. „Ich glaube das hat der Mann im Fernsehn auch gesagt. Pferde sind nicht so schnell wie die Gazellen, können aber viel weiter laufen. Und schöner als Menschen. Kuck mal, wie die Kellnerin geht“, sagt sie ohne von ihrem Tier aufzublicken. Ich sehe ihre Mutter an. Die holt tief Luft, zieht ihre Schultern hoch und deutet mit dem Kopf schräg über den Tisch.

Die Kellnerin kommt in unsere Richtung. Ohne Essen, dafür scheint sie ein X- und ein O-Bein zu haben. Es fällt kaum auf, aber etwas stimmt an ihrem Gang wirklich nicht. „Wie alt bist du eigentlich, Lena?“

„Fast acht, wieso?“

Ich fass es nicht. Ihre Mutter sieht aus dem Fenster. „Ich habe Hunger“, sagt sie ein bisschen verzweifelt. Mir geht´s genauso. Die Kellnerin ist drei Tische von uns entfernt und spricht mit den dort Sitzenden.

„… und dafür lassen Sie uns jetzt zwei Stunden hier sitzen?! Das kann doch wohl nicht wahr sein!“

Verflucht. Ich ahne was sie uns gleich erzählt. „Sie sitzen seit zwei Stunden. Wie schrecklich!“, sagt Lena während sie mit einem Zahnstocher und etwas Cola die Nasenlöcher und die Hufe der Gazelle ausformt.

„Es tut mir sehr leid, aber der Koch sagt, dass wir auch keine Scholle mehr haben. Es war heute einfach zuviel los und die Fischer sind auch noch nicht hier gewesen. Sowas ist hier noch nicht passiert, es tut uns wirklich sehr leid!“

Die Arme sieht wirklich verzweifelt aus. Langsam greife ich nach meinem Humpen und ziehe ihn leer. Petra dreht den Ring an ihrem Finger und Lena sagt der Kellnerin, dass sie komisch geht. Stille. Mutter und ich lachen. „Du hast nicht ‚Psscht!‘ gemacht. Nicht schlecht!“

„Na gut“, sage ich zu der Bedienung, „gibt´s eben nichts zu Mampfen aber dafür gehen die Getränke auf´s Haus, oder?“ Das ‚Aber‘ war rein rhetorisch gemeint. Ich bin stinksauer.

„Ja, na klar. Kein Problem, selbstverständlich.“ Wenn Blicke töten könnten … Die Kellnerin geht und ich sehe ihr nach. Sie geht einfach seltsam, aber ich weiß nicht warum.

  „Kamele und Elefanten können hundert Kilometer an einem Stück laufen. Aber nur ganz langsam …“

„Ja Schatz, ich weiß. Aber lass uns jetzt verschwinden. Wir haben noch ein bisschen Müsli auf unserem Zimmer.“ Lena sieht ihre Mutter an, dann mich und stellt die fertige Gazelle in die Mitte des Tisches. Ihr Blick ist plötzlich ernst und verwirrt mich. „Hilfst du mir?“, fragt Petra, während sie aufsteht.

Ich verstehe nicht. „Es ist verdammt eng hier …“ Sie geht um den Tisch und greift hinter den Stuhl ihrer Tochter. Erst als sie die Jacke des Kindes zur Seite zieht, sehe ich die beiden Griffe hinter ihrem Rücken. Ein Rollstuhl. Lena sitzt in einem Rollstuhl.

 „Warte Mama!“, ruft die Kleine und greift nach der Gazelle. Ich versuche noch sie ihr zuzuschieben, aber sie ist schneller. „Na und?!“, sagt sie rotzig und sieht mir dabei ruhig in die Augen.

„Hey, hab ich was gesagt?“

Ich komme mir irgendwie blöd vor. Scheiß Bier. „Aber was hast du gedacht?“ Das erste mal diesen Abend sehe ich sowas wie Traurigkeit in ihren Augen. Ich bin froh, dass ihre Mutter ihren Stuhl Richtung Ausgang dreht. Unsere Blicke werden getrennt. Lena hat keine Beine. Mir wird klar, warum sie ein abnormes Interesse am Gehen hat.

Beinahe an jedem Tisch, den wir bis zur Tür passieren, verstummen die Gespräche. Die Leute rücken ihre Stühle aus dem Weg, auch wenn genug Platz für drei Rollstühle wäre. Es ärgert mich.

„Ja, es ist verdammt noch mal ansteckend! Bringen sie sich in Sicherheit!“, bölke ich eine Frau an, die sich besonders bemüht, Platz zu machen. „Gerade war sie noch gesund. Dann hat sie Scholle gegessen und ihre Beine sind einfach abgefallen!“

Auf dem Teller der Frau liegt so was wie gebratene Blutwurst. „Na und?! Mit Wurst kann das auch passieren!“ Lenas Mutter sieht mich an. „Psscht!“ macht sie. Ich bin plötzlich richtig sauer. „Idioten“, zische ich in ihre Richtung.

 Lena hält sich eine Hand vor ihr Gesicht und lacht. Dann dreht sie sich um, sieht uns an und lacht noch lauter. „Können wir jetzt bitte gehen?“, sagt sie. „Ja, Schatz, natürlich.“ Mutters und mein Blick lösen sich.

Sie greift ihren Mantel vom Garderobenständer. Wir tragen den Stuhl die Stufen vor dem Restaurant hinunter. Ich warte auf einen Kommentar von Lena. Sie sagt kein Wort. Wahrscheinlich hat sie auch nicht vor, alleine wiederzukommen.

Draußen ist es schweinekalt und nebelig. Kind und Mutter mummeln sich in ihre Jacken. Mir fällt auf, dass ich meinen dicken Pulli erst gar nicht ausgezogen habe. Niemand sagt was. „Es war ein lustiger Abend, irgendwie …“

Ich will nach Hause. Meine Nase läuft. Ich schniefe ein, zweimal.

 Die Kleine nestelt in ihren Taschen rum und hält mir ein Tempo hin. „Deine Nase läuft …“

 „Kann nicht sein, die hat gar keine Füße … Oh Mann … Tschuldigung, Lena. War´n Reflex …“

Sie lacht wieder. „Sag, dass es dir egal ist, dass ich keine Beine hab´!“

 Es ist mir egal. Ich knie mich hin und umarme sie. Als wir uns voneinander lösen, sehe ich die Gazelle auf dem Boden liegen. Ein Bein ist abgeknickt. „Schenkst du sie mir?“, frage ich.

 „Nein, die nicht. Sie sieht jetzt irgendwie behindert aus …“ 

Die Mutter wirkt mit einem mal tieftraurig. Etwas in mir sträubt sich trotzdem, sie zu umarmen. Ich berühre sie nur leicht.

„Vielleicht sieht man sich mal wieder“, sagt sie. 

“Mama, lass uns gehen, mir ist kalt …“ „Ja, Schatz“, sagt sie, dreht sich und den Rollstuhl und die beiden machen sich auf den Heimweg.

„Macht´s gut!“, rufe ich ihnen hinterher. Ich schlottere vor Kälte, während sie im Nebel verschwinden.

 „Weißt du, wer noch langsamer läuft als ein Kamel?“ Lenas klare Stimme hallt durch die leere Straße.

 „Keine Ahnung, Lena. Sag´s mir!“ Ich kann sie kaum noch erkennen. 

“Meine Mutter!“

 Aus den Nebelschwaden heraus höre ich sie wieder lachen.

Ich stapfe zurück ins Hotel. Unten in der Halle grinst mich als erstes die Dame an der Rezeption an. Das es aussieht, als hätte sie 64 riesige weiße Zähne kann auch am Bier liegen. „Und, wie war es?“

 Mit den Armen bis zu den Ellenbogen in den Hosentaschen sehe ich auf meine Fußspitzen. Ich zittere vor Hunger und Kälte. „Stimmt was nicht?“, fragt sie und lächelt nicht mehr ganz so breit.

„Ihr Lachen. Ihr Lachen stimmt nicht. Es ist so unecht“, sage ich ihr ins Gesicht. Endlich verschwinden ihre Zähne hinter den Lippen.

 Im Aufzug denke ich an die Gazelle. Ich hätte sie wirklich gern behalten. Auch wenn sie behindert aussah.

 

(Geschrieben um 2001. Da durfte man in Restaurants noch rauchen! Die Namen von Lena und Petra sind nicht die echten.)

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