Ein Dialog im Restaurant

Es gab frische Seezunge mit richtig viel Krebsfleisch, winzig kleinen Kartoffeln, Zuckererbsenschoten, Speckbohnen und das alles an einer exorbitant unaufdringlichen Weinsauce. Es war göttlich.

 Zu Hause hätte ich den Teller abgeleckt. Ich fokussierte die Soßenreste, dann die Gäste um mich herum. Nein. Ich bin in einem Hotelrestaurant. Und leckte den Teller nicht ab.

Das Einzige, was es ein wenig versaute, war die Hintergrundmusik. André Rieu und einen Tick zu laut.

„Und, war alles zu Ihrer Zufriedenheit?“, fragt mich der Kellner, während er Teller und die leere Weinkaraffe an sich nimmt.

„Ganz ehrlich?“, frage ich. In mir reifte eine Idee für einen Dialog, den ich eventuell gleich bereuen würde. Es wäre nicht das erste mal …

„Aber ja! Wir sind immer an der ehrlichen Meinung unserer Gäste interessiert!“ Der Typ war echt groß und kräftig.

„Na gut. Dann bringen sie dem Koch einen Schnaps der Oberklasse und hauen dem, der die Hintergrund-CD aufgelegt hat, eins in die Fresse.“

„Nun, ich fürchte das geht leider nicht. Der Koch darf während der Arbeit keinen Alkohol trinken.“

Ich war froh, dass er meine Eröffnung annahm. Jetzt musste ich weitermachen.

„Okay, versteh ich. Dürfen Sie denjenigen, der für die Musik verantwortlich ist, während der Arbeit zusammenschlagen?“

„Ähm, ich selbst habe diese Platte aufgelegt. Wir sind ein sehr seriöses Haus – diese Art von Musik erwarten unsere Gäste nunmal. Tut mir leid – da ich mich schlecht selbst zusammenschlagen kann, müssten Sie das in diesem Fall übernehmen …“

Er machte also mit. Die Unterarme, die aus seinen bis zum Ellbogen hochgekrempelten weißen Hemdsärmeln ragten, waren in etwa so dick wie meine Waden. Mein Blick wanderte über seine noch dickeren Oberarme weiter nach oben. Seine Augen lächelten, während der Rest seines rechteckigen Gesichts unbewegt blieb.

Wir beide wussten genau, wer mit wem den Boden aufwischen würde, wenn der Dialog einen anderen Hintergrund gehabt hätte.

Wir sehen uns an und versuchen ernst zu bleiben. Mit seiner Oberkellnerprofessionalität gelingt ihm das ein kleines bisschen besser als mir. Die Muskeln hinter meinen Ohren beginnen zu schmerzen. Krampfhaft versuche ich nicht zu lachen.

„Hier drin oder draußen?“, frage ich ihn.

„Ich fände es unpassend hier drin und vor all den Gästen.“

„Stimmt.“

Wir beide sehen nach draußen

.

„Mist, draußen regnet´s …“

„Ja, es regnet. Ich müsste mich danach umziehen“,

 sagt er.

Jedem Außenstehendem wäre es vorgekommen, als führten wir ein ganz normales Gespräch.

Ich biete ihm einen Neuanfang:

 „Wissen Sie was? Fragen Sie mich doch einfach noch mal, ob das Essen gut war.“

„War das Essen gut?“

„Es war ungefähr das beste, was ich in den letzten drei Jahren gegessen habe. Ehrlich!“

„Danke, so was hört man immer gern.“

Endlich kann ich lachen. Herr Oberkellner lacht auch. Laut und wiehernd. Einige der Gäste drehen sich zu uns um. Er bemerkt es und es scheint ihm etwas peinlich zu sein.

„Sagen Sie, hätten Sie sich mit mir geprügelt, oder hätten Sie den Koch rausgeschickt?“

„Nö, das hätte ich natürlich selbst erledigt. Wissen Sie eigentlich, wie sehr mir diese Musik auf die Nerven geht? Die macht mich so aggressiv, dass ich ständig Gewaltphantasien habe. Ehrlich!“

„Danke, so was hört man immer gern.“

 

(Geschrieben um 2002)

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